Unter außerordentlich starker Beteiligung aus dem gesamten Reiche ist der Deutsche Industrie- und Handelstag in Berlin zu seiner 46. Vollversammlung zusammengetreten.[1][2] Wie das Harburger Tageblatt meldet, hatten sich bereits am Dienstagabend rund 600 Teilnehmer aus den Kreisen der Industrie und des Handels zu einem festlichen Begrüßungsabend im Hotel Esplanade eingefunden.[3] Zu den Gästen zählten neben der Reichsregierung auch der preußische Ministerpräsident Braun, der Berliner Oberbürgermeister Boeß sowie als Vertreter der Internationalen Handelskammer in Paris Professor Edouard Dolleans.[3] Der Präsident des Industrie- und Handelstages, Franz von Mendelssohn, eröffnete die Veranstaltung mit dem Bedauern darüber, dass der Reichspräsident nicht persönlich erscheinen konnte, und ließ ihn als Vorbild unermüdlicher Pflichterfüllung hochleben.[2]

Reichswirtschaftsminister Dr. Curtius legte in seiner Erwiderung dar, dass Wirtschaft und Staatsverwaltung lediglich verschiedene Funktionen eines gemeinsamen Ganzen darstellten.[2] Es gelte nun, die staatlichen Maßnahmen den Anforderungen der Wirtschaft anzupassen.[2] Der Minister wählte hierfür ein drastisches Bild und erklärte, die Regierung suche, unser Steuerkleid dem in der Wirtschaftsnot hager gewordenen Wirtschaftskörper anzupassen.[4] Als konkrete Maßnahme kündigte er an, dass das Reichskabinett die Aufhebung des Deviseneinheitskurses sowie des Verbots des Devisenterminhandels beschließen werde.[4][2] Dem Berliner Tageblatt zufolge wertete die Versammlung diese Ankündigung mit starkem Beifall als einen Markstein auf dem Wege zur deutschen Wiedergesundung.[4]

Am Mittwochvormittag begannen die eigentlichen Verhandlungen im Plenarsaal des Reichswirtschaftsrates.[4][3] Neben den Ministern Curtius, Reinhold und Haslinde bemerkte man auch Reichsbankpräsident Schacht.[4] Reichskanzler Dr. Luther ergriff sofort nach einer kurzen Begrüßung das Wort.[1] Er zog einen Vergleich zwischen der heutigen Lage und den Verhältnissen nach dem Weltkrieg sowie dem Ende des Ruhrkampfes.[1] Zwar habe sich der Zustand Deutschlands erheblich verbessert, doch sei man von einer wirklichen Erholung noch weit entfernt.[4][1] Die Erwerbslosenzahl sei weiterhin bedrückend — sie liegt nur wenig unter der Zahl am Ende des Ruhrkampfes —, weshalb die Notlage weiterhin bestehe.[1] Allerdings betonte der Kanzler, dass man angesichts dieser Lage nicht mutlos werden dürfe, denn die Träume der Geld- und Kreditinflation seien endgültig zerstoben.[1]

Um die auferlegten Reparationslasten gegenüber dem Ausland abzudecken und Zinsverpflichtungen zu erfüllen, benötige Deutschland auf die Dauer zwingend eine aktive Handelsbilanz.[4][1] Eine gewisse Verschiebung sei bereits unverkennbar, da der abgelaufene Monat März einen Ausfuhrüberschuss von 155 Millionen Mark erbracht habe.[4][1] Gleichzeitig warnte Luther davor, diese Zahlen zu überschätzen. Der Anteil Deutschlands an der Weltausfuhr, der vor dem Kriege ein Achtel umfasst habe, betrage heute nur noch ein Vierzehntel.[4] Nach Angaben der Deutschen Allgemeinen Zeitung forderte der Kanzler zudem nachdrücklich die Stärkung des inneren Marktes und der Landwirtschaft.[1] Er erinnerte die Industriellen an die alte Volksweisheit: „Hat der Bauer Geld, hat's die ganze Welt.“[1] Nur durch das tatkräftige Voranschreiten bei Handelsverträgen und internationalen Verständigungen könne die deutsche Wirtschaft wieder in den weltwirtschaftlichen Warenaustausch eingegliedert werden.[1]