Die revolutionäre Basis im Süden Chinas ist von tiefgreifenden inneren Rissen gezeichnet. Wie der Hong Kong Telegraph meldet, verlagert sich das politische Schwergewicht in Kanton (Guangzhou) zunehmend auf die Frage, ob künftig der kommunistische oder der antikommunistische Flügel die Kuomintang dominieren wird.[1] Für den 15. Mai ist eine Sitzung des zentralen Parteikomitees einberufen worden. Auf dieser sollen neue Exekutivorgane gewählt werden.[1] Die militärische Lage vor Ort illustriert die angespannte Atmosphäre: Truppen der zweiten Division des ersten Armeekorps patrouillieren auf den Straßen Kantons. Andere Einheiten haben Stellungen auf den Weißen-Wolken-Hügeln bezogen.[1] Das Hauptquartier des Generalstabs wurde in die Zementfabrik auf der Honam-Seite verlegt.[1] Auffällig ist zudem, dass General Tschiangkaischek (Chiang Kai-shek) bei der jüngsten Sitzung des Militärrates fehlte. Diese musste mangels Beschlussfähigkeit vertagt werden.[1]

Die Krise zeigte sich in den vergangenen Wochen bereits durch konkrete Maßnahmen gegen sowjetische Einflussnahme. Laut dem Temps, der sich auf Berichte aus dem britischen Pachtgebiet stützt, wurden kürzlich dreizehn russische Berater deportiert und erhebliche Mengen an Munition beschlagnahmt.[2] Dies führte zu spürbaren Erschütterungen innerhalb der Kuomintang.[2] Das Politbüro der Partei in Kanton sah sich gezwungen, eine offizielle Erklärung herauszugeben. Aus der Prawda geht hervor, dass die Parteiführung reaktionäre Elemente beschuldigt. Diese hätten absichtlich Gerüchte über eine „rote Gefahr“ gestreut.[3] Ziel dieser Kampagne sei es, die Kuomintang zu spalten und die nationale Kantoner Regierung zu stürzen. Dies geschieht nach dem krankheitsbedingten Rücktritt des Regierungschefs Wangtschinwei (Wang Jingwei).[3] Das Politbüro bekräftigte, weiterhin das antiimperialistische Erbe Sunyatsens (Sun Yat-sen) zu wahren und sich auf die Bauern und Arbeiter zu stützen.[3]

Während der Süden mit seiner eigenen Spaltung ringt, festigen im Norden die verbündeten Generale Tschangtsolin (Zhang Zuolin) und Upeifu (Wu Peifu) vorübergehend ihre Macht. Sie haben die Truppen von Fengjusian (Feng Yuxiang) zurückgedrängt.[2] Der Einfluss Tschangtsolins in Peking (Beijing) ist inzwischen vorherrschend, da Upeifu das Gros seiner Truppen wegen der ungünstigen Stimmung in den Zentralprovinzen nicht nach Norden verlegen kann.[2] Unterdessen wartet im Yangtse-Tal Suntschuanfang, der Militärgouverneur von Zhejiang, auf den geeigneten Moment, das Gewicht seiner Armee in die Waagschale zu werfen.[2] Tuantschirui, das amtierende Staatsoberhaupt in Peking, räumte in einem Interview mit der China Mail ein, dass die Einführung der Republik ein beispielloses Experiment gewesen sei.[4] Die Phase der unvermeidlichen Unordnung habe deutlich länger gedauert, als man je vorausgesehen habe.[4] Der fortschreitende Abbau des sowjetischen Einflusses in Kanton sowie der erzwungene Rückzug des russischen Botschafters Karachan (Lew Karachan) aus Peking zeigen, dass einflussreiche Kreise der chinesischen Politik zunehmend gegen die Einmischung ausländischer Mächte aufbegehren.[2]