Der Rücktritt des polnischen Kabinetts hat die politische Landschaft in eine offene Krise gestürzt. Wie die Wiener Zeitung meldet, hat der Staatspräsident die Demission des Ministerpräsidenten Skrzynski entgegengenommen und die amtierenden Minister vorerst mit der Führung der laufenden Geschäfte betraut.[1][2] In Warschauer Kreisen geht man nach Angaben des Helsingin Sanomat von einer kurzen und friedlichen Übergangsphase aus. Alle Parteien stimmen darin überein, die bisherige Außenpolitik sowie den strengen Sparkurs im Haushalt konsequent fortzusetzen.[2]

Die Suche nach einem Nachfolger erweist sich jedoch als äußerst kompliziert. Dem Berliner Tageblatt zufolge versuchte zunächst der Vorsitzende der christlich-demokratischen Fraktion, der Abgeordnete Chacinski, ein neues Kabinett zu bilden.[3] Er scheiterte jedoch nach kurzer Zeit an unüberwindbaren politischen Gegensätzen und gab den Auftrag an den Staatspräsidenten zurück.[3] Chacinski offenbarte sich als entschiedener Gegner des Marschalls Pilsudski.[3] Er beabsichtigte, einen Gesetzentwurf der Regierung Skrzynski fallenzulassen, der dem Marschall die Rückkehr in den aktiven Dienst ermöglichen sollte.[3] Das Kriegsministerium sollte stattdessen dem früheren Amtsinhaber Sikorski angetragen werden, der als entschiedener Feind Pilsudskis gilt.[3]

Gegen diese Pläne formierte sich sofort massiver Widerstand. Die Linksparteien — darunter die Bauernpartei, der Arbeitsklub, die radikale „Wyzwolenie“ und die Sozialdemokraten — schlossen sich zu einem festen Block zusammen und drohten Chacinski mit der schärfsten Opposition.[3] Sie betrachteten sein Kabinett als Kampfansage an die arbeitende Klasse und als mögliche Katastrophe für das Land.[3] Daraufhin führte der Staatspräsident ausführliche Besprechungen mit den Präsidenten der Kammern sowie dem Vizepräsidenten der Kammer, Dembski. Er berief den ehemaligen Ministerpräsidenten Witos von der Bauernpartei Piast zu sich, um ihm die Regierungsbildung zu übertragen.[1][3] Witos erbat sich Bedenkzeit. Laut einem späten Telegramm ausländischer Korrespondenten hat er inzwischen ebenfalls abgelehnt.[2]

Sollte sich im Parlament keine tragfähige Mehrheit finden, wächst in den Zentrumskreisen des Sejm die Überzeugung, dass ein außerparlamentarisches Kabinett unumgänglich ist.[3] In diesem Fall könnte erneut Skrzynski beauftragt werden, der sich auf das Zentrum und die Linke stützen müsste.[3] Er würde zudem versuchen, sich die Unterstützung der deutschen und jüdischen Minderheiten zu sichern. Diese Gruppen haben ihre Bereitschaft zur Mitarbeit erklärt.[3] Erste Voraussetzung dafür wäre jedoch eine Änderung der bisherigen Schulpolitik und der Ausschluss des amtierenden Kultusministers Stanislaus Grabski, den die Minderheiten als erbitterten Feind betrachten.[3]