Der Reichstag hat am Freitagnachmittag den kommunistischen Misstrauensantrag gegen die Regierung Luther abgelehnt.[1] Gegen das Kabinett stimmten lediglich die Antragsteller sowie die völkische Fraktion, während sich die Sozialdemokraten der Stimme enthielten.[1] Diesem Ergebnis, das zumindest vorläufig eine Festigung des Kabinetts bedeutet, gingen aufschlussreiche Fraktionserklärungen voraus.[1]

Für die Deutschnationalen betonte Graf Westarp, dass man den Antrag ablehne, obwohl die eigene Opposition gegen die Regierung unvermindert fortbestehe.[1] Er erklärte: „Wir sehen keinen Anlass, uns das Gesetz des Handelns für unsere Opposition von irgendeiner Partei, am wenigsten von den Kommunisten, vorschreiben zu lassen.“[1] Der kommunistische Abgeordnete Stöcker bezeichnete daraufhin das Verhalten der Sozialdemokratie als Komödie und warf dem Kanzler vor, sich auf eine Einheitsfront von Deutschnationalen bis zur SPD zu stützen.[2] Für die Sozialdemokraten erklärte der Abgeordnete Müller-Franken, die Fraktion werde sich der Stimme enthalten.[1][2] Nach dem Scheitern der parlamentarischen Verhandlungen über die Enteignungsfrage habe nun das Volk das Wort.[1] Die Auseinandersetzung mit der Regierung wolle man vielmehr bei der anstehenden Interpellation zur Flaggenfrage führen.[1] Der völkische Abgeordnete von Graefe kündigte an, für das Misstrauensvotum zu stimmen, da man die Regierung und insbesondere den Außenminister bei jeder Gelegenheit bekämpfen werde.[1][2] Auch der Demokrat Freiherr von Richthofen lehnte den kommunistischen Antrag ab, jedoch mit dem ausdrücklichen Vorbehalt, dass die sonstige Stellung seiner Fraktion zur Regierungskoalition davon unberührt bleibe.[1]

Hinter den Kulissen schwelt der Konflikt um die sogenannte ‚Flaggenverordnung‘ unvermindert weiter.[3] Nach Ansicht von Le Temps ist die Atmosphäre in den Wandelgängen des Reichstags für Kanzler Luther denkbar ungünstig.[4] Die französische Zeitung vermutet sogar, die Krise richte sich vorwiegend gegen Luthers Person, der sich durch seinen Rivalen Stresemann schlecht habe beraten lassen.[4] Wie das Berliner Tageblatt berichtet, arbeiten deutschnationale Kreise derzeit mit Hochdruck daran, die Stimmung weiter zu verschärfen.[3] In der entscheidenden Debatte am kommenden Dienstag werden die Abgeordneten Breitscheid und David die sozialdemokratische Interpellation gegen die Regierung begründen.[3]