Im Kampf um die amerikanische Gesetzgebung zur Alkoholprohibition zeichnet sich eine drastische Verschärfung ab. Dem Prohibitionsausschuss des Senats, der gegenwärtig neue Maßnahmen berät, sind nun die abschließenden Denkschriften sowohl der Befürworter als auch der Gegner des sogenannten Volstead-Gesetzes zugegangen.[1][2] Der Ausschuss plant, in Kürze die überarbeitete Goff-Gesetzesvorlage zu behandeln, welche die Durchsetzungsinstrumente der Regierung zur Bekämpfung des illegalen Alkoholhandels bündeln soll.[2] Laut der Washington Post fordern die Gegner der Prohibition in ihrer Eingabe eine umfassende parlamentarische Untersuchung der einflussreichen Anti-Saloon-League.[1]

Die Kritiker des trockenen Regimes verlangen, das Untersuchungsverfahren umgehend neu zu eröffnen.[1] Im Mittelpunkt der Angriffe steht Wayne B. Wheeler, der allgemeine Rechtsbeistand der Anti-Saloon-League.[1] Die Gegner fordern, dass Wheeler vorgeladen und einem Kreuzverhör unterzogen wird. Ziel ist es, die finanziellen Hintergründe der Organisation vollständig offen zu legen.[1][2] Nach Angaben des Evening Star soll insbesondere geklärt werden, in welchem Umfang führende Vertreter der amerikanischen Großindustrie — darunter Elbert H. Gary, der Vorsitzende der United States Steel Corporation, und John D. Rockefeller jr. — die Kampagnen der Liga unterstützt haben.[1][2]

Die Vorwürfe beschränken sich jedoch nicht auf die Wahlkampffinanzierung. Die Denkschrift der Prohibitionsgegner fordert darüber hinaus die Vorladung aller Kongressabgeordneten, die angeblich auf der Gehaltsliste der Anti-Saloon-League stehen.[1] Es müsse die „eigentümliche Erscheinung“ untersucht werden, dass nach einer vermuteten Allianz zwischen der Liga und dem Großkapital zahlreiche staatliche Kartellklagen plötzlich eingestellt wurden.[1] Das Alkoholverbot habe dazu gedient, das Vorgehen gegen Wirtschaftsmonopole zu verschleiern und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit abzulenken.[1] Die Gegner führen an, das Gesetz habe weitreichende schädliche Auswirkungen auf Gesellschaft und Regierung gehabt.[1][2]

Wheeler wies die Vorwürfe entschieden zurück und erklärte, die landesweite Kriminalitätswelle sei nicht dem Alkoholverbot zuzuschreiben.[1] Vielmehr hätten die Gegner die Senatsanhörungen lediglich als politisches Mittel zu Propagandazwecken genutzt.[1] Der Rechtsbeistand der Liga forderte, die bestehenden Gesetze zu stärken und diese mit tatkräftigen und ehrlichen Beamten durchzusetzen.[1][2] Die Nation sei keineswegs bereit, Kriminellen die Änderung der Verfassung zu überlassen oder ihre Gesetze aufzuheben.[1]

Unterstützung erhielt Wheeler inzwischen von kirchlicher Seite. Wie der Evening Star berichtet, verurteilten führende Methodistenbischöfe die Kampagne der Gegner als irreführend.[2] Jüngste inoffizielle Probeabstimmungen spiegelten nach Ansicht der Geistlichen nicht die wahre Haltung der Bevölkerung wider.[2] Bischof William F. McDowell lobte die angemessene Berichterstattung der Presse, während Dr. Wilson den Senator Reed aus Missouri entschieden kritisierte.[2] Der Senator habe sich in den Anhörungen wie ein Anwalt der Prohibitionsgegner verhalten und bedeutende Zeugenaussagen der Befürworter systematisch behindert.[2] Die Liga, so schloss Wilson, sei nur ein kleiner Teil der großen „trockenen“ Kräfte des Landes, die entschlossen seien, das Gesetz ohne Zugeständnisse aufrechtzuerhalten.[2]