Die Studienkommission für die Reorganisation des Völkerbundrates ist in Genf zu ihrer mit Spannung erwarteten Eröffnungssitzung zusammengetreten.[1][2] Zum Präsidenten wählten die Delegierten den Schweizer Bundesrat Motta. Das Amt des Vizepräsidenten übernahm der Argentinier Le Breton.[1][3] Auf Antrag des britischen Vertreters Lord Robert Cecil und des französischen Delegierten Paul-Boncour wurde beschlossen, die allgemeine Diskussion öffentlich zu führen.[1]
Als erster Redner skizzierte Lord Cecil die aus seiner Sicht zentralen Fragen der Ratsreform.[1] Er warf unter anderem die Probleme der Amtsdauer der nichtständigen Mitglieder auf. Ebenso sprach er deren Neu- oder Teilerneuerungswahlen, ein mögliches Verhältniswahlsystem für Ländergruppen sowie die grundsätzliche Frage einer Vermehrung der nichtständigen Ratssitze an.[1] Dem Pariser Figaro zufolge hob Cecil außerdem hervor, dass von den derzeit zehn Ratssitzen sieben auf Europa entfielen. Dies stehe einer angestrebten Universalität entgegen.[4] Nichtsdestoweniger mahnte er an, dass Verbesserungen ohne „radikale oder revolutionäre Umgestaltungen“ vorzunehmen seien.[1]
Besonderes Gewicht erhielten die Ausführungen des französischen Vertreters Paul-Boncour. Laut der Kölnischen Zeitung legte er dar, dass der Rat ursprünglich eine Auswuchs der Völkerbundversammlung gewesen sei. Dies müsse durch die Erhöhung der nichtständigen Mitglieder wieder stärker hervortreten.[5] Er trat nachdrücklich für eine Vermehrung der nichtständigen Sitze ein, um das Verhältnis zu den ständigen Sitzen — insbesondere im Hinblick auf den erwarteten Eintritt Deutschlands — zu wahren.[1][5] Eine Gefährdung der Beschlussfähigkeit sah er in einer maßvollen Vergrößerung nicht.[1]
Scharfer Widerspruch kam vom italienischen Delegierten Scialoja. Nach Angaben des Vorwärts betonte dieser, der Völkerbund dürfe kein Überstaat werden; deshalb dürfe an der Einstimmigkeit der Beschlüsse unter keinen Umständen gerüttelt werden.[1] Er warnte, dass diese Einstimmigkeit bereits bei zehn Mitgliedern schwer zu erzielen gewesen sei und bei zwanzig Sitzen wohl gänzlich unmöglich werde.[1] Aus diesem Grund lehnte er eine Vermehrung der ständigen Sitze entschieden ab.[1]
Der spanische Vertreter Palacios vertrat demgegenüber die Ansicht, die Einstimmigkeit sei auch bei einem größeren Gremium erreichbar.[1][2] Er verwies darauf, dass sie bisher nur zweimal zu Schwierigkeiten geführt habe: 1921 durch den Widerstand Brasiliens gegen Spanien und 1926 durch Schwedens Protest bezüglich der Aufnahme Deutschlands.[2] Palacios bekräftigte Spaniens Forderung auf einen ständigen Sitz, indem er sein Land als größte neutrale Macht darstellte. Zugleich sprach er sich gegen ein rein geografisches Verteilungsprinzip aus.[2]
Noch weiter ging der brasilianische Delegierte Guani, der sich als prinzipieller Gegner ständiger Sitze zu erkennen gab.[1][2] Er befürwortete die vollständige Gleichheit aller Völkerbundmitglieder und räumte ein, dass das gegenwärtige Komitee vor allem praktische Vorfragen zu lösen habe.[2]
Die Haltung Deutschlands bleibt abwartend. Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung berichtet, lehnte Botschafter von Hoesch es ab, eigene Vorschläge zu unterbreiten oder in die laufende Debatte einzugreifen, solange sich die Pläne der anderen Mächte nicht präzisiert hätten.[2] Er betonte jedoch den Wunsch Deutschlands nach einer Entwicklung, die einen künftigen Eintritt ohne Komplikationen ermögliche.[2]