Dem Führer der Piastenpartei, Witos (Wincenty Witos), ist es nach längeren Verhandlungen gelungen, gemeinsam mit den Rechtsparteien und der Nationalen Arbeiterpartei eine neue polnische Regierung zu bilden.[1][2] Das Kabinett, das einen unverkennbaren Rechtskurs einschlägt, wurde am Montagnachmittag vom Präsidenten der Republik offiziell bestätigt.[1] Die vier Koalitionsparteien, auf die sich Witos stützt, verfügen im Landtag über keine eigene Mehrheit.[1][2] Dennoch dürfte das neue Ministerium auf die wohlwollende Neutralität der christlich-nationalen Monarchistengruppe rechnen können; so soll vorerst die parlamentarische Existenz gesichert werden.[1][2]
Obwohl zahlreiche Mitglieder des zurückgetretenen Kabinetts Skrzynski (Aleksander Skrzyński) ihre Portefeuilles behalten, sind insbesondere das Außen-, das Kriegs- und das Innenministerium neu besetzt worden.[1][2] Graf Skrzynski selbst hat eine erneute Regierungsbeteiligung unmissverständlich abgelehnt.[1][3] Dem Berliner Tageblatt zufolge hat dieser endgültige Abgang Skrzynskis von der politischen Bühne im Warschauer diplomatischen Korps erhebliche Unruhe ausgelöst.[4] Das Außenministerium wird vorläufig von Unterstaatssekretär Morawski geleitet. Dem polnischen Gesandten in Bukarest, Wielowiejski, soll der Posten ebenfalls angetragen worden sein.[1] Nach Berichten der Moskauer Pravda zirkulieren zudem Gerüchte, dass Seyda (Marian Seyda) oder Moraczewski (Jędrzej Moraczewski) als Außenminister in Betracht kämen, falls Skrzynski bei seiner Weigerung bleibe.[3] Das Kriegsministerium übernimmt General Malczewski (Juliusz Tadeusz Malczewski), der bisher Kommandant des Warschauer Korps war, während Smulski von den Christlichen Demokraten das Innenressort leitet.[1][2] Weitere wichtige Posten fielen an Zdziechowski (Finanzen) und Grabski (Stanisław Grabski) (Unterricht), die beide der Nationaldemokratie angehören, sowie an Piechocki (Justiz) und Osiecki (Industrie und Handel).[1][2] Das Ressort für öffentliche Arbeiten wird kommissarisch von Rybczynski geführt; Jankowski wurde mit der Leitung der sozialen Fürsorge betraut.[1][3]
In den Kreisen der polnischen Linken formiert sich derweil massiver Widerstand gegen die neue Regierung.[1][2] Der Linksblock hat am gestrigen Tage den Beschluss gefasst, dem Kabinett Witos mit scharfer Opposition entgegenzutreten.[4] In der verabschiedeten Entschließung wird der Regierung vorgeworfen, sie werde die Ausbeutung der arbeitenden Massen betreiben und sei zum Wiederaufbau des Landes unfähig.[4] Die Linke befürchtet zudem schwere Niederlagen auf außenpolitischem Gebiet sowie eine Schwächung der Landesverteidigung.[4]
Besondere politische Sprengkraft erhält die Lage durch eine öffentliche Stellungnahme von Marschall Pilsudski (Józef Piłsudski).[4] In einem vielbeachteten Interview sprach sich der Marschall mit größter Heftigkeit gegen die neue Regierung aus.[4] Er erinnerte an das Kabinett Witos vor drei Jahren, das mit großen Ansprüchen angetreten sei, dann aber versagt habe.[4] Pilsudski warf Witos vor, ihn damals bespitzeln lassen zu haben und versucht zu haben, ihn in den Tod zu schicken.[4] Zudem erklärte der Marschall, dass sich durch die erneute Regierungsbildung unter Witos seine eigene Rückkehr in den aktiven Dienst der Armee verzögern werde.[4] Diese öffentliche Auseinandersetzung zwischen dem populären Militärführer und der zivilen Regierung lässt eine Verschärfung der innenpolitischen Krise in Polen erwarten.[4]