Im aufsehenerregenden Mordprozess gegen die beiden italienischen Einwanderer Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti ist eine Vorentscheidung gefallen. Wie die Washington Post berichtet, hat der Oberste Gerichtshof des Staates Massachusetts den Antrag der Verteidigung auf ein neues Verfahren in vollem Umfang abgewiesen.[1] Damit schließt sich nach sechs Jahren erbitterten Ringens die letzte juristische Tür für eine formelle Berufung.[1] Da im Vorfeld der Gerichtsentscheidung mit Unruhen und Demonstrationen gerechnet worden war, stand das Gerichtsgebäude gestern unter strengster polizeilicher Bewachung.[1]
Die beiden Männer waren im Juli 1921 schuldig gesprochen worden, den Zahlmeister Frederick A. Permenter und dessen Wachmann Alessandro Berardelli bei einem Raubüberfall auf eine Schuhfabrik in South Braintree erschossen zu haben.[1] Nach der jetzigen Ablehnung der Revision werden Sacco und Vanzetti demnächst dem zuständigen Obergericht zur endgültigen Strafzumessung vorgeführt.[1] Ihnen droht die Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl, sofern nicht der Gouverneur von Massachusetts im letzten Moment von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch macht.[1][2] Derzeit wird Sacco im Gefängnis von Dedham festgehalten, während Vanzetti in der Staatsanstalt Charlestown eine Haftstrafe wegen eines früheren Raubdeliktes verbüßt.[1]
Der langwierige Rechtsstreit wurde maßgeblich durch radikale Organisationen im In- und Ausland finanziell getragen und hat längst weltweite Aufmerksamkeit erregt.[1] Einen deutlichen Eindruck von der aufgeladenen Stimmung liefert die sowjetische Prawda, die in scharfen Worten von einer unnachgiebigen amerikanischen Bourgeoisie schreibt, welche ihre Opfer nicht mehr aus den Händen lassen wolle.[2] Dem Moskauer Blatt zufolge geht das Vorgehen der Justiz auf das Jahr 1919 zurück. Damals verhaftete die New Yorker Polizei zwei italienische Drucker wegen der Verbreitung revolutionärer Flugblätter.[2] Einer der Festgenommenen, Andrea Salsedo, stürzte damals unter ungeklärten Umständen aus dem 14. Stockwerk eines Polizeigebäudes in den Tod.[2] Vanzetti und Sacco hätten nach Darstellung der Prawda diesen Fall untersucht und belastendes Material gegen die Behörden gesammelt. In der Folge, so berichtet das Blatt weiter, seien sie im Mai 1920 provoziert und unter falschen Anschuldigungen festgesetzt worden.[2]
Laut der Darstellung der Prawda stützte sich der amerikanische Staatsanwalt in dem Mordprozess auf gekaufte Zeugen, von denen mehrere später eingeräumt hätten, vor Gericht Falschaussagen getätigt zu haben.[2] Dennoch warten die Angeklagten nun schon im vierten Jahr in den Zellen auf ihre Hinrichtung.[2] Die Empörung der internationalen Arbeiterklasse, die schon nach dem ersten Schuldspruch weite Kreise zog, dürfte durch den jüngsten Beschluss des Obersten Gerichtshofs nun abermals angefacht werden.[2]