Der gewaltige, neuntägige Generalstreik, der das wirtschaftliche Leben Großbritanniens in seinen Grundfesten zu erschüttern drohte, ist beigelegt. Nach einer einstündigen Konferenz in der Downing Street erklärte der Generalsekretär des Gewerkschaftsrates, Pugh, den Ausstand formell für beendet.[1] In einer hastig verfassten Botschaft an alle beteiligten Organisationen im Lande teilte der Gewerkschaftsrat mit, dass der Generalstreik widerrufen werde, um Verhandlungen wieder aufnehmen zu können.[1] Die Abberufung erfolgte de facto bedingungslos; die britische Regierung unter Premierminister Baldwin hatte zuvor auf der vorherigen Rücknahme des Streikbefehls bestanden, bevor offizielle Gespräche wieder aufgenommen werden konnten.[2]
Der Tag begann in der britischen Hauptstadt zunächst mit erheblichen Aufregungen und widersprüchlichen Gerüchten. Am Vormittag war die Berichterstattung noch recht pessimistisch gestimmt. In wohlunterrichteten Kreisen rechnete niemand ernsthaft mit einer raschen und so vollständigen Kapitulation der großen Gewerkschaften.[1] Gegen 11 Uhr erschien jedoch der Daily Chronicle, der tagelang nicht gedruckt worden war, mit einem Flugblatt, das die sofortige Aufhebung des Ausstandes verkündete.[1] Diese unbestätigte Nachricht fand zunächst keinen Glauben und wurde an zuständiger Stelle dementiert. Erst am frühen Nachmittag wurde bekannt, dass der Ausschuss des Gewerkschaftsrates tatsächlich beim Premierminister war.[1]
Die öffentliche Ordnung konnte während der gesamten Dauer des Ringens überraschend gut aufrechterhalten werden. Die Regierung teilte mit, dass es fast nirgends zu gravierenden Sabotageversuchen gekommen sei. In der Provinz waren 200.000 und in London 40.000 freiwillige Polizisten im Einsatz.[3] Auch der Personenverkehr entspannte sich; so verkehrten auf vier Hauptstrecken bereits wieder 4.500 Züge, und in London fuhren immerhin 850 Autobusse.[3] Die Londoner Times sieht in diesem Zustand des Transportwesens ein klares Barometer für das unvermeidliche Scheitern des Ausstandes.[4] Dennoch gab es vereinzelte Unruhen. So meldet die China Mail aus Doncaster ernste Ausschreitungen: Über 80 Bergarbeiter wurden verhaftet, nachdem die Menge den Verkehr blockiert, einen Zeitungswagen demoliert und die berittene Polizei attackiert hatte.[2]
In einer feierlichen Botschaft an das britische Volk rief König Georg V. nach der Einigung dazu auf, die durch den Konflikt entstandene Verbitterung zu vergessen und für einen bleibenden industriellen Frieden zusammenzuarbeiten.[5] Die Nation habe eine Periode extremer Besorgnis durchlebt; nun sei es von größter Wichtigkeit, dass alle zusammenstünden.[5] Auch Premierminister Baldwin betonte im Unterhaus, das bis auf den letzten Platz gefüllt war, dass der aktuelle Anlass weder Raum für gegenseitige Vorwürfe noch für Böswilligkeit oder bloßen Triumph biete.[1][6]
Trotz dieser versöhnlichen Töne bleiben schwerwiegende soziale Spannungen bestehen. Die Bergarbeiter verharren weiterhin im Ausstand.[3] Die inoffiziellen Besprechungen unter Teilnahme des Vorsitzenden der königlichen Untersuchungskommission für den Kohlenbergbau, Sir Herbert Samuel, sowie der Arbeiterführer Macdonald und Thomas, hatten zwar eine Friedensformel zu Tage gefördert.[3] Laut dem Vorwärts sichert dieses Memorandum den Bergarbeitern für die nächste Zeit die Aufrechterhaltung ihres Lebensniveaus zu und sieht eine neue Prüfung der Lage vor.[7] A. J. Cook, der Generalsekretär der Bergarbeiter, erklärte jedoch, dass eine unerlässliche Bedingung für die Wiederaufnahme der Verhandlungen die Rückkehr zum Status Quo sei.[3] Die Führung der Bergarbeiter lehnte den Kompromissvorschlag ab, zumal sie bezüglich der Beendigung des Generalstreiks nicht konsultiert worden war.[2] Der amerikanische Evening Star zitiert Cook mit der scharfen Äußerung, der Gewerkschaftsrat habe mit dem Abbruch des Streiks einen folgenschweren Fehler begangen.[6] Laut der Deutschen Allgemeinen Zeitung wird die Exekutive der Bergarbeiter einer Delegiertenversammlung am morgigen Freitag die offizielle Ablehnung des Kompromisses vorschlagen.[8]
Die Motive der Gewerkschaftsführung für das plötzliche Einlenken werden in der Auslandspresse unterschiedlich bewertet. Der Vorwärts spricht von einem ehrenhaften Vergleich. Ein Fortsetzen des Kampfes hätte unweigerlich zu einer massiven Lebensmittelnot geführt, deren erstes Opfer die Arbeitermassen gewesen wären.[7] Nach Ansicht des sozialdemokratischen Blattes habe der Ausstand das Selbstvertrauen der britischen Arbeiterschaft außerordentlich gestärkt.[7] Aus sowjetischer Perspektive stellt sich die Lage hingegen gänzlich anders dar. Die Prawda wertet das Ende der Arbeitsniederlegungen als einen Handel hinter dem Rücken der Bergarbeiter.[9] Nach Einschätzung des Moskauer Blattes fürchtete der Gewerkschaftsrat, dass ihm die Ereignisse entgleiten könnten.[9] Insbesondere die Sorge vor der Verhaftung führender Funktionäre oder der Beschlagnahmung der Gewerkschaftsgelder durch die Regierung habe die Entscheidung zur Aufgabe maßgeblich beeinflusst.[9]
Eine der drängendsten Fragen der kommenden Tage bleibt die Wiedereinstellung der Streikenden. Macdonald warnte im Parlament davor, dass jeder, der das Ansehen der Gewerkschafter nach dem Streik beschädigen wolle, sich schwer täusche.[6] Die Arbeiter müssten als freie Männer mit Selbstachtung behandelt werden.[6] Premierminister Baldwin stellte zwar in Aussicht, dass alles geschehen werde, um den Konflikt im Kohlenbergbau zu lösen. Die Frage der Wiedereinstellung verwies er jedoch an die Arbeitgeber und Belegschaften selbst.[5][6]
Hier deuten sich bedeutende Auseinandersetzungen an. Wie die Neue Freie Presse meldet, erklären viele Arbeitgeber, dass sie infolge des Produktionsrückganges ihre laufenden Geschäfte künftig mit einem verkleinerten Personalstamm führen können.[10] Bei der Zusammenstellung der Belegschaft sollen in erster Linie die Arbeitswilligen übernommen werden, während von den Streikenden nur die unbedingt notwendige Anzahl wieder eingestellt werden solle.[10] Auch die Londoner Zeitungsverlegervereinigung hat beschlossen, das streikende Personal vorerst nicht wieder einzustellen, bis die genauen Bedingungen dafür geprüft sind.[2]
An der Londoner Börse löste die Nachricht von der Beilegung des Konflikts einen beispiellosen Jubel aus, der den Betrieb für einige Minuten völlig unterbrach.[10] Es entwickelte sich ein lebhaftes Haussetreiben bei britischen Staatspapieren sowie Eisenbahn- und Industrieaktien; dabei waren Kurssteigerungen von mehreren Prozent innerhalb weniger Minuten zu verzeichnen.[10] Auch im Ausland wurde die friedliche Lösung mit großer Erleichterung aufgenommen. In Paris rief die Beendigung des Streiks eine förmliche Begeisterung hervor.[2] In Rom wird das Ende der Streikbewegung ebenfalls begrüßt; der Giornale d'Italia stellt fest, dass die sogenannte rote Politik, die Massen zu zersetzen und das britische System zu stürzen, endgültig gescheitert sei.[2] Dem amerikanischen Evening Star lässt sich entnehmen, dass das Verhalten der britischen Öffentlichkeit während der Krise auch in den Vereinigten Staaten breite Bewunderung findet.[2]