In Polen ist eine offene militärische Rebellion ausgebrochen, die den Bestand des gesamten Staates infrage stellt. Wie die Neue Freie Presse berichtet, marschieren aufständische Truppen unter der Führung des früheren Staatschefs Marschall Josef Pilsudski auf die Hauptstadt Warschau, um die unlängst neu gebildete Regierung des Ministerpräsidenten Witos zu stürzen.[1] Die Lage verschärft sich von Stunde zu Stunde, da große Teile der regulären Armee sich den Rebellen angeschlossen haben.[2] Dem Vorwärts zufolge handelt es sich bei den vorrückenden Verbänden um etwa eineinhalb bis zwei Armeekorps, die über schwere Artillerie und Flugzeuge verfügen.[3] Pilsudski hat bereits am Nachmittag die auf dem rechten Weichselufer gelegene Vorstadt Praga eingenommen und bereitet von dort aus den Einmarsch in das Zentrum der Hauptstadt vor.[4][3]
Der unmittelbare Auslöser für den gewaltsamen Staatsstreich war eine scharfe Auseinandersetzung um die Ausrichtung der polnischen Republik. Das Ausscheiden der Sozialisten aus dem früheren Kabinett Skrzynski, das an der Sanierung der zerrütteten Staatsfinanzen gescheitert war, hatte in Warschau eine langwierige Krise heraufbeschworen.[3] Schließlich bildete der Bauernführer Witos eine ausgeprägte Rechtsregierung. Weite Kreise der Linken sahen darin eine Provokation und warnten vor der Einsetzung einer Diktatur.[3] Die Deutsche Allgemeine Zeitung führt aus, dass Marschall Pilsudski in die Debatte eingriff. Er veröffentlichte in der Zeitung Kurjer Poranny eine unmissverständliche Erklärung gegen die neue Regierung.[5] Darin machte er geltend, dass Außenpolitik und Heer durch Witos zum Spielball parteipolitischer Interessen degradiert würden.[5] Zudem behauptete Pilsudski, Witos habe sich zum Zeitpunkt seiner Ernennung in trunkenem Zustand in einem Lokal befunden.[5] Die Regierung ließ die betreffende Zeitungsausgabe sowie das Blatt Przeglad Wieczorny umgehend von der Polizei beschlagnahmen.[5][6]
Nach Angaben des Vorwärts sammelten sich daraufhin etwa 300 rechtsradikale Angehörige einer Schutzorganisation vor der Villa Pilsudskis im Vorort Sulejowek und begannen, das Anwesen mit Schusswaffen anzugreifen.[3] Die Deutsche Allgemeine Zeitung bemerkt hierzu, Pilsudski habe bereits zuvor geklagt, dass er von Spitzeln umringt sei und man ihm nach dem Leben trachte.[5] Die Nachricht von dem Überfall auf die Villa des populären Befehlshabers verbreitete sich schnell. Im nahegelegenen Truppenlager Rembertov, in dem sich die Zentrale für die militärische Ausbildung befindet, verweigerten die Soldaten der Regierung den Gehorsam.[1][2]
Nach Berichten der Badischen Presse erhoben sich sofort das 22. Infanterieregiment und das 7. Ulanenregiment, um Pilsudski zu Hilfe zu eilen.[4] Ein von der Heeresleitung erteilter Aufhaltungsbefehl an den kommandierenden General Prych blieb wirkungslos, da dessen eigene Militärabteilung umgehend auf die Seite Pilsudskis übertrat.[1] Auch in der Provinz meuterten laut Vorwärts loyale Einheiten. Dazu zählten zwei in Kielce und Siedlce stationierte Regimenter mit einer Stärke von bis zu 2500 Mann, die nun in Richtung der Hauptstadt abmarschierten.[3] Mit diesen Verbänden an der Spitze zog Pilsudski, eskortiert von Ulanen, in einem offenen Wagen in der Vorstadt Praga ein.[1]
Die treibende Kraft dieser Erhebung überrascht politische Beobachter kaum. Wie die Neue Freie Presse in einem Porträt ausführt, entstammt der 1867 geborene Offizier einem polnischen Adelsgeschlecht, dessen erklärtes Ziel der unerbittliche Kampf gegen die russische Herrschaft war.[1] Wegen studentischer Umtriebe wurde er von der Universität relegiert und 1888 aufgrund eines Anschlags auf den Zaren nach Sibirien verbannt. Später gründete er die polnischen Legionen.[1] Nachdem er 1918 den Oberbefehl über die polnische Armee übernommen hatte, genoss er als militärischer Befreier große Popularität.[1] Sein jetziges Eingreifen zeigt, dass sein Einfluss auf das Heer fortbesteht.
Über die Vorgänge im Inneren der Hauptstadt dringen seit der verhängten Zensur nur spärliche Berichte ins Ausland.[7][5] Aus der Pravda geht hervor, dass sämtliche Telefon- und Telegrafenverbindungen nach Warschau unterbrochen wurden und die örtliche Zitadelle bereits von Pilsudskis Truppen besetzt ist.[6] Die in den Vereinigten Staaten erscheinende Washington Post schreibt zudem, dass es in den Straßen Warschaus zu schweren Kämpfen mit erheblichen Verlusten an Toten und Verwundeten gekommen sei.[7] Antiregierungskräfte haben demnach wichtige öffentliche Gebäude eingenommen — darunter das Innenministerium, das Außenressort und die Residenz des Premierministers — und rücken nun auf das Schloss Belvedere, den Sitz des Staatspräsidenten, vor.[7] Regierungsfeindliche Truppen überrannten die Verteidiger, denen es nicht gelang, den raschen Vormarsch aufzuhalten.[7]
Die Exekutive unter Witos versucht derweil, den Widerstand zu organisieren. Auf Befehl des Kabinetts wurden die Weichselbrücken gesperrt und mit Artillerie, Maschinengewehren sowie Panzerwagen ausgestattet.[3] In einem offiziellen Aufruf erklärte der Staatspräsident Stanislaw Wojciechowski, dass unverantwortliche Personen gegen den Staat hetzten. Er forderte die meuternden Truppen auf, die Befehlsverweigerung einzustellen.[4][1] Die Zeitung Hong Kong Telegraph berichtet zudem, dass die Regierung zur Wahrung der Ordnung das Standrecht ausgerufen habe.[2] Um weiteres Blutvergießen zu verhindern, trat der Ministerrat zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. Aus Posen wurden regierungstreue Verstärkungen in Richtung Warschau entsandt.[1]
Laut der Neuen Freien Presse begab sich Präsident Wojciechowski schließlich persönlich, um mit Marschall Pilsudski zu verhandeln.[1] Wie aus parlamentarischen Kreisen verlautet, verlangt der Marschall den sofortigen Rücktritt der amtierenden Regierung, da allein deren Existenz sein Leben und sein Gut ernsthaft gefährde.[3] Meldungen aus dem Ausland, wonach das Kabinett Witos bereits zurückgetreten sei, konnten amtlich nicht bestätigt werden.[7][6] Stattdessen gibt die Regierung bekannt, sie sei vollständig „Herr der Lage“ und der Zwischenfall erledigt.[3] Die nächtlichen Berichte über den Aufmarsch weiterer Regimenter und die erbitterten Straßenkämpfe widersprechen jedoch deutlich dieser optimistischen Darstellung der Regierungsstellen.[7][3]