Die Studienkommission zur Reorganisation des Völkerbundrates ist in eine überaus kritische Phase eingetreten.[1] Hinter verschlossenen Türen traten am gestrigen Mittwoch tiefe Meinungsverschiedenheiten über die künftige Zusammensetzung des Gremiums zutage. Diese Differenzen lassen eine rasche Lösung der gegenwärtigen Völkerbundkrise in weite Ferne rücken.[2]

In der Nachmittagssitzung konnte zwar eine vorläufige Einigung über den zweiten Artikel des britischen Reformplans erzielt werden.[2] Dieser Entwurf von Lord Cecil sieht vor, dass die nichtständigen Mitglieder künftig für drei Jahre gewählt werden und im Anschluss grundsätzlich nicht sofort wiederwählbar sind.[2] Allerdings kann die Völkerbundversammlung mit einer Zweidrittelmehrheit beschließen, dass bis zu einem Drittel dieser Staaten ausnahmsweise unmittelbar für eine neue dreijährige Periode ein Mandat erhält.[2] Lord Cecil betonte in der Debatte, es gehe nicht darum, eine privilegierte Klasse von Staaten zu schaffen, sondern besonderen Verhältnissen Rechnung zu tragen.[2] Der brasilianische Vertreter erhob derweil scharfen Einspruch gegen die Bestimmung des ersten Artikels. Diese sieht vor, dass die neugewählten Mitglieder ihr Amt sofort antreten sollen und nicht wie bisher am ersten Januar des Folgejahres.[1]

Der eigentliche Konflikt entbrannte jedoch über die Frage der ständigen Sitze.[1] Nach Angaben der amerikanischen Washington Post riefen Brasilien und China in der vertraulichen Sitzung erhebliche Bestürzung hervor, als sie forderten, die Zahl der ständigen Mandate auf zehn zu erhöhen.[3] Dies sollte ermöglichen, neben den bisherigen Mächten und dem fest zugesagten Sitz für Deutschland auch die für die Vereinigten Staaten und Sowjetrussland vorgesehenen Plätze sowie Mandate für Brasilien und China einzubeziehen.[3] Der chinesische Delegierte äußerte in ungewöhnlicher Schärfe Kritik daran, dass Sitze für die USA, die dem Bund nicht beitreten wollten, und für Russland, das anmaßende Noten übersende, freigehalten würden, während einer Großmacht wie China der ständige Sitz verweigert werde.[3]

Diese Erweiterungspläne stießen sofort auf massiven Widerstand. Lord Cecil erklärte unmissverständlich, er habe aus London die formelle Anweisung erhalten, gegen jede Vermehrung der ständigen Sitze zu stimmen. Dies richte sich selbstverständlich nicht gegen den bereits zugesagten deutschen Sitz.[1] Wie die Washington Post weiter berichtet, stellten sich auch Schweden und der italienische Delegierte Vittorio Scialoja entschieden gegen eine derartige Erweiterung des Völkerbundrates.[3]

Der französische Vertreter Paul-Boncour zeigte sich unterdessen wider Erwarten bereit, dem Vorschlag Lord Cecils unter bestimmten Voraussetzungen zuzustimmen und die Zahl der nichtständigen Sitze auf neun zu erhöhen.[2] Dem russischen Blatt Prawda zufolge sprach sich überdies der Delegierte Uruguays strikt gegen jegliche Veränderungen in der Zusammensetzung aus.[4]

Angesichts dieser festgefahrenen Lage wird in diplomatischen Kreisen bereits die Möglichkeit einer Vertagung der Beratungen erörtert.[2] Für die deutsche Regierung ist die Lage jedoch eindeutig: Wie der Präsident der Versammlung, Giuseppe Motta, und Lord Cecil bekräftigten, betrachten sämtliche Delegierte die baldige Aufnahme Deutschlands inzwischen als unumstößliches Faktum.[2]