Die französische Öffentlichkeit blickt mit wachsender Besorgnis auf die Verhältnisse in ihrem ostasiatischen Kolonialreich. Jüngst traf der Dampfer „Paul-Lecat“ in Marseille ein und brachte Beobachter zurück in das Mutterland, deren Berichte ein beunruhigendes Bild der dortigen Lage zeichnen.[1] Wie der Figaro berichtet, äußern führende Wirtschaftsvertreter und ehemalige Kolonialbeamte erhebliche Bedenken über die jüngsten Entwicklungen in Französisch-Indochina.[2]

Nach Angaben des ehemaligen Generalgouverneurs Le Gallen leidet das Land unter einer schweren Autoritätskrise.[1] Er betonte gegenüber der Presse, er habe das Land nach vierjähriger Abwesenheit stark verändert vorgefunden.[1] Während Indochina wirtschaftlich eine beträchtliche Entwicklung durchlaufe, sei politisch eine weitreichende Emanzipation der einheimischen Bevölkerung zu beobachten. Dem dürfe man nicht länger tatenlos zusehen.[1] Die staatliche Macht sei nicht nur geschwächt, sondern vor allem uneins.[2] Dem Pariser Temps zufolge wird diese Einschätzung durch den Präsidenten der Handelskammer von Saigon, de la Pommeraye, bestätigt. Er verweist auf einen offenen Antagonismus zwischen dem amtierenden Generalgouverneur Varenne und seinem Generalsekretär Monguillot.[1] De la Pommeraye wurde als Sprecher der indochinesischen Kaufmannschaft nach Frankreich entsandt und fordert ein sofortiges Ende der sogenannten ‚sozialistischen Experimente‘ Varennes.[2] Die Kolonisten, so lautet die Beschwerde, seien nach Indochina gegangen, um zu kolonisieren, nicht aber, um Politik zu machen.[2]

Neben dem administrativen Zwiespalt bereitet vor allem die politische Radikalisierung Sorge. Laut dem Temps bringen junge Annamiten, die sich zu Studienzwecken in Frankreich aufhalten, zunehmend revolutionäres Gedankengut aus kommunistischen Milieus in Paris mit in ihre Heimat.[1] Nach der Rückkehr nach Indochina finden diese Ideen besonders bei der Studentenschaft — hervorgehoben wird die medizinische Fakultät — sowie in bestimmten Arbeiterzentren Anklang.[1][2] Der Abgeordnete Outrey bereitet bereits eine Interpellation vor, mit der er die Regierung angesichts der beunruhigenden Ausbreitung dieser antikolonialen Bewegung in der Kammer zur Rede stellen will.[2]