In Großbritannien hat sich das öffentliche Leben nach dem Abbruch des Generalstreiks spürbar beruhigt. Während des vergangenen Wochenendes führten intensive Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu neuen Tarifvereinbarungen, welche die durch den Ausstand hinfällig gewordenen Verträge ersetzen. Die Kölnische Zeitung meldet, dass sich der Verkehr bei den Eisenbahn-, Omnibus- und Straßenbahngesellschaften bereits wesentlich gebessert hat. Auch die Arbeit in den Häfen wurde wieder aufgenommen.[1] Bemerkenswert ist, dass diese neuen Dienstverträge keinerlei Lohnminderungen vorsehen. Die Arbeitgeber folgten damit der Warnung von Premierminister Baldwin, die wirtschaftliche Notlage der Arbeiterschaft nicht auszubeuten.[1] Dem Pariser Temps zufolge kam auch im Druckgewerbe eine Einigung zustande. Diese Einigung verbietet künftig jede Einmischung der Gewerkschaften in den redaktionellen Inhalt der Zeitungen.[2]
Allerdings müssen die Arbeiter für den Erhalt der Lohnstandards weitreichende rechtliche Zugeständnisse machen. Nach Angaben des Hamburger Echo wurden den Eisenbahnern Bedingungen auferlegt, die einem ausdrücklichen Verzicht auf künftige Sympathiestreiks gleichkommen.[3] Die Organisationen mussten zudem schriftlich anerkennen, dass sie durch den Aufruf zum Streik ungesetzlich gehandelt haben. Sie tragen allein die volle Verantwortung sowie die Schadensersatzpflicht für die Folgen.[1][3] Aus diesen Entwicklungen geht laut dem Temps deutlich hervor, dass die Waffe des Sympathiestreiks in Großbritannien künftig allgemein als illegal angesehen wird.[2]
Der eigentliche Ursprungskonflikt — der Arbeitskampf im Kohlenbergbau — ist jedoch noch nicht gelöst. Die Vertreter der Bergleute verhandeln weiterhin mit Baldwin. Die Grubenbesitzer betrachten den aktuellen Regierungsplan noch mit erheblicher Skepsis.[4] Zur Überbrückung beabsichtigt die Regierung, dem Bergbau einmalig drei Millionen Pfund aus staatlichen Mitteln zur Verfügung zu stellen.[1] Die Härte des Konflikts ruft derweil prominente Kritiker auf den Plan. In der Neuen Freien Presse wirft der frühere Premierminister David Lloyd George den Grubenbesitzern wie auch den Arbeiterführern vor, im Vorfeld eigensinnig und engherzig gehandelt zu haben.[5] Den gescheiterten Generalstreik der Gewerkschaftsführung bezeichnet er als „Erpressungsversuch“, der vom britischen Volk entschlossen abgewehrt worden sei.[5]
Die finanziellen Folgen des Ausstandes sind erheblich. Wie der Westfälische Merkur berichtet, bezifferte Finanzminister Churchill die direkten Ausgaben der Regierung auf rund 750.000 Pfund, ohne Steuererhöhungen zu fordern.[4] Nach Berechnungen des Handelsministeriums, auf die sich der Figaro beruft, belaufen sich allein die entgangenen Löhne der Arbeiter auf mehrere Millionen Pfund.[6] Innerhalb der britischen Arbeiterpartei scheint das Ende der Krise zu einer Stärkung der traditionellen, verfassungstreuen Kräfte zu führen. Erste radikale Agitatoren wurden wegen Aufwiegelung vor britische Gerichte gestellt.[2]