Der gestrige Handelstag markierte einen bisher beispiellosen Einbruch der französischen Währung.[1] Gegenüber dem Pfund Sterling, das am Vorabend noch mit 161,20 Franken notiert wurde, kletterte der Kurs zunächst auf 168,40 und erreichte nach Börsenschluss den schwindelerregenden Stand von 172 Franken.[1] Parallel dazu stieg der Dollar auf 35,35.[1] Ein Kurssturz von mehr als sieben Franken für das englische Pfund innerhalb von 24 Stunden ist ein Novum, dem auch das Pariser Finanzministerium keine beruhigenden Erklärungen mehr entgegenzusetzen vermag.[1] Auch der Versuch, die jüngste deutsche Kabinettskrise für die Währungsübel verantwortlich zu machen, überzeugt nicht mehr.[1] Die Ernennung von Wilhelm Marx zum Reichskanzler wird in Frankreich vielmehr als Stärkung der Republik begrüßt.[1] An den deutschen Börsen spiegelt sich der Fall des Franken deutlich wider: Die amtliche Berliner Devisennotierung für 100 französische Franken sank von 12,67 am Montag auf 12,14 am gestrigen Dienstag.[2]
In den Pariser Regierungskreisen herrscht Ratlosigkeit über die geeigneten Gegenmaßnahmen.[1] Noch in den Abendstunden berief Außenminister Aristide Briand den Gouverneur der Bank von Frankreich, Georges Robineau, sowie den Kabinettschef des Finanzministeriums, de Rothschild, zu dringenden Beratungen ein.[3] Es werden verschiedene Maßnahmen erwogen, darunter die erneute Gründung einer Devisenzentrale nach den Plänen des ehemaligen Finanzministers Étienne Clémentel.[3] Ferner wird von verschiedenen Seiten die Freigabe der sogenannten Morgan-Stützungsmasse gefordert.[3] Bankgouverneur Robineau hält jedoch an einer Politik des vorsichtigen Abwartens fest; daher blieben die Unterredungen ohne praktisches Ergebnis.[3] Die tieferen Ursachen des Währungsverfalls liegen in der prekären Binnenlage: Die freiwilligen Spenden zur Stützung des Franken fließen nur zögerlich, und der Krieg in Marokko verschlingt erhebliche Summen.[1] Hinzu kommt, dass der Haushaltsplan auf einem unrealistischen Pfundkurs von 130 aufgebaut wurde und das Defizit kaum noch zu verbergen ist.[1]
Erhebliche Hoffnungen ruhten auf internationalen Verhandlungen. Doch die Reise des Finanzministers Raoul Péret nach London wird allgemein als Fehlschlag betrachtet.[3] Péret verhandelte intensiv mit dem englischen Schatzkanzler Winston Churchill und wird die britische Hauptstadt jedoch ohne greifbare Ergebnisse verlassen.[1] Dem Temps zufolge erschweren vor allem die französischen Forderungen auf Rückgabe jenes Goldes, das während des Krieges als Sicherheit an die Bank von England übergeben worden war, die Gespräche.[4] Auch Pérets Beharren auf einer Schutzklausel, wonach Frankreich seine Schulden nur in dem Maße bedienen wolle, wie es deutsche Reparationen erhält, stieß auf Widerstand.[1] Unterdessen verbleiben Beamte des Pariser Ministeriums in der City, um wenigstens technische Fragen weiter zu erörtern.[3]
Auch in Washington stößt das französische Ansinnen auf eine große Anleihe auf Zurückhaltung. Nach Berichten der Deutschen Allgemeinen Zeitung bevorzugen amerikanische Finanzkreise stattdessen einen reinen Hilfskredit der New Yorker Federal Reserve Bank.[3] Die englische Presse verfolgt die Währungskrise derweil mit nüchterner Analyse. Wie der Daily Telegraph ausführt, habe der jüngste britische Generalstreik den französischen Export stark beeinträchtigt und so die Krise verschärft.[4] Am morgigen Donnerstag soll nun der französische Ministerrat unter dem Vorsitz von Staatspräsident Gaston Doumergue zusammentreten, um Pérets Bericht entgegenzunehmen.[1]