Die verbündeten französischen und spanischen Streitkräfte in Marokko verzeichnen auf fast allen Frontabschnitten erhebliche Geländegewinne gegen die Truppen der Rif-Republik.[1] Laut Berichten der Deutschen Allgemeinen Zeitung schreitet der Vormarsch der Kolonialmächte unaufhaltsam fort, obgleich die erwartete große Offensive der Verbündeten noch nicht einmal in ihrem vollen militärischen Umfang eingesetzt worden ist.[2][1] Wie die letzten Kommuniqués der militärischen Befehlshaber hervorheben, hat eine umfassende Umzingelungsbewegung begonnen, die von allen Seiten her im Kampfgebiet spürbar wird.[1] Die Einheiten der Rifkabylen sehen sich unter dem beständigen Druck der überlegenen Waffenmacht allmählich zurückgedrängt.[2] Militärische Beobachter gehen deshalb davon aus, dass die mobilen Truppen der Aufständischen voraussichtlich in absehbarer Zeit auf ihre gut befestigten Stellungen in den unwegsamen Gebirgen zurückweichen müssen. Damit würden sie dem direkten feindlichen Zugriff entgehen.[1]
Die strategische Lage spitzt sich für die marokkanischen Kämpfer zusehends zu. Dem Pariser Temps zufolge scheinen die Rif-Truppen fest entschlossen zu sein, ihre zentrale Position bei Targuist unter allen Umständen bis zum Äußersten zu verteidigen.[3] Dessen ungeachtet soll die militärische Vereinigung der spanischen Einheiten, die von Adschdir (Ajdir) aus hartnäckig nach dem Süden vordringen, mit den französisch-spanischen Kräften unmittelbar bevorstehen.[2] Die Truppenverbände bewegen sich in entgegengesetzter Richtung aufeinander zu. Es ist den verbündeten Kräften bereits gelungen, den strategisch bedeutsamen Ort Taurirt (Taourirt) erfolgreich zu besetzen und dort neue Positionen zu beziehen.[2] Angesichts dieser massiven Bedrohung durch die rasch voranschreitende Zangenbewegung der europäischen Militärs hat der Führer der Aufständischen, Abd el Krim (Abd el-Krim), nach übereinstimmenden Informationen der Auslandpresse sein Hauptquartier verlegt, um einer drohenden Gefangennahme zu entgehen.[1]
Trotz des stetigen Vormarsches stoßen die europäischen Mächte jedoch weiterhin auf erbitterten und opferreichen Widerstand der einheimischen Kämpfer. Besonders in der gebirgigen Umgebung von Tetuan (Tétouan) kam es in den vergangenen Tagen erneut zu außerordentlich schweren Gefechten.[1] Abd el Krim beorderte hastig loyal ergebene Dschebala-Kontingente aus den Bergen herab in das Tal, die die vorrückenden europäischen Linien umzingelten und frontal angriffen.[1] Nach Angaben englischer Quellen, auf die sich auch der Temps in seiner Berichterstattung stützt, wurden die südlich von Adschdir operierenden Spanier im unübersichtlichen Gelände heftig attackiert.[3] Es verlautet aus gut unterrichteten Kreisen in Tanger, dass die spanischen Bodentruppen — insbesondere die an vorderster Front eingesetzte Spanische Fremdenlegion sowie die loyalen Eingeborenenregimenter — überaus empfindliche Verluste erlitten haben.[1]
Der brutale Krieg fordert in seinem unerbittlichen Verlauf zudem einen beständig hohen Tribut von der Zivilbevölkerung und führt zu beispiellosen Zerstörungen in der stark umkämpften Region. In einem kühnen Handstreich überfielen Rif-Kämpfer zur Nachtzeit die kleine Ortschaft Martin, die lediglich sechs Meilen von der schwer befestigten Hafenstadt Tetuan entfernt liegt.[1] Die aufständischen Angreifer schleppten dabei das gesamte verfügbare Vieh der Landbevölkerung fort. Die dort eigens stationierte spanische Garnison konnte nicht rechtzeitig eingreifen und den Überfall vereiteln.[1] Am darauffolgenden Morgen sahen sich die Einwohner gezwungen, ihre Heimat in Martin fluchtartig zu verlassen.[1] Aus dem Hamburger Echo und den Depeschen der Deutschen Allgemeinen Zeitung geht hervor, dass der Küstenort nunmehr fast ausschließlich von spanischen Flüchtlingen bewohnt wird.[2][1] Diese entwurzelten Schutzsuchenden stammen zumeist aus den umliegenden, von den Aufständischen vollständig zerstörten Dörfern im Distrikt Beni-Madan.[1] Weiter westlich bietet sich ein Bild der totalen Verwüstung: Sämtliche Dörfer in jener Gegend sind auf der gesamten Strecke bis an die Demarkationslinie der neutralen Zone von Tanger niedergebrannt worden.[1]