Die Vorbereitende Abrüstungskommission des Völkerbundes hat ihre allgemeine Aussprache über den vorliegenden Fragebogen beendet. Dabei traten die tiefen Risse zwischen den Großmächten unübersehbar zutage.[1] Die Verhandlungsführer stritten grundlegend über die Frage, was überhaupt unter den Begriff der Rüstung falle.
Wie der Pariser Temps berichtet, prallten insbesondere die französische und die britische Auffassung hart aufeinander.[1] Der französische Vertreter Paul-Boncour vertrat nachdrücklich die These, dass eine materielle Abrüstung erst nach der Gewährleistung absoluter Sicherheit erfolgen könne.[1] Er skizzierte die drei unumstößlichen Etappen der französischen Politik: Schiedsgerichtsbarkeit, Organisation der Sicherheit und zuletzt die Abrüstung.[1] Es genüge nicht, lediglich die sichtbaren Friedensrüstungen wie stehende Heere und Luftstreitkräfte zu begrenzen; vielmehr müsse das gesamte „Kriegspotenzial“ eines Landes berücksichtigt werden.[1] Zur Untermauerung dieser Haltung forderte er die exakte Feststellung derjenigen militärischen Kräfte, die einem Lande für den sofortigen Angriff zur Verfügung stehen.[2] Lord Robert Cecil als Sprecher Großbritanniens widersprach dieser weitreichenden Definition, da sie eine unmittelbare Truppenreduzierung erschwere.[1]
Zu einem regelrechten Zusammenstoß kam es laut der Badischen Presse zwischen Lord Cecil und dem italienischen Delegierten Marini.[2] Marini erklärte dezidiert, Italien werde sich niemals auf eine Abrüstung einlassen, wenn das Kriegspotenzial unberücksichtigt bleibe.[2] Auf Cecils scharfe Nachfrage, ob Rom somit überhaupt nicht abzurüsten gedenke, milderte Marini seine Formulierung ab und verwies auf die lebenswichtige Abhängigkeit seines Landes von Rohstoff- und Lebensmittelzufuhren im Kriegsfall.[2] Auch der argentinische Vertreter Perez zog einen eigenen Vorschlag zur Umgruppierung der Fragen nach energischem Widerspruch Cecils rasch wieder zurück.[2]
Ein neues, für das Deutsche Reich höchst bedeutsames Moment brachte Cecil in die Diskussion ein, als er die allgemeine Wehrpflicht ansprach.[3] Nach Angaben der Deutschen Allgemeinen Zeitung stieß sein Vorstoß, die Wehrpflicht selbst als Hindernis für die Abrüstung zu werten, bei Frankreich und Italien auf strikte Ablehnung.[3] Für Deutschland ist diese Frage von erheblicher Tragweite, da der Republik durch den Versailler Vertrag das wenig praktikable Söldnersystem auferlegt wurde.[3]
Der deutsche Delegierte, Graf Bernstorff, lenkte die Aufmerksamkeit der Kommission auf die qualitativen Aspekte der Rüstung.[1] Dem Temps zufolge forderte er ein unbedingtes Verbot des Luft- und Gaskrieges, den Verzicht auf schwere Artillerie sowie die Einbeziehung der Kolonialtruppen in die Abrüstungsrechnung.[1] Letzteres wurde in Paris rasch als Angriff auf das französische Militärsystem gewertet.[1] Für das Reich bergen die Verhandlungen grundsätzliche Brisanz. Es sei undenkbar, dass Deutschland Völkerbundmitglied werden könne, wenn der offene Gegensatz zwischen den entwaffneten Staaten und den hochgerüsteten Nutznießern des Versailler Vertrags nicht offiziell zur Verhandlung stehe.[3]
Die Bemühungen verlaufen zäh, was auch an der komplexen Zusammensetzung der Konferenz liegt. Aus dem Hufvudstadsbladet geht hervor, dass neben den Völkerbundmitgliedern auch Staaten mit besonderem Status eingeladen wurden, darunter Finnland, Polen sowie die nicht im Völkerbund vertretenen Großmächte Deutschland, Sowjetunion und Vereinigte Staaten.[4] Präsident Coolidge bekräftigte in Washington seinen Willen zum Erfolg der Genfer Tagung,[5] doch man befürchtet in Großbritannien, das Vorhaben werde in den Unterkommissionen scheitern und durch die unnachgiebige Haltung Frankreichs sowie seiner östlichen Verbündeten vereitelt werden.[6] Bis zur Wiederaufnahme der Vollsitzungen am kommenden Mittwoch wird nun ein Redaktionskomitee versuchen, die verhärteten Fronten im Entwurf zu glätten.[3]