Der preußische Ministerpräsident Otto Braun hat in einer Unterredung mit einem Vertreter der Wiener Neuen Freien Presse mit außerordentlicher Deutlichkeit vor den Umsturzplänen rechtsradikaler Verbände gewarnt.[1][2] Nach den Darlegungen des Ministerpräsidenten verfolgen die treibenden Kräfte dieser Organisationen allerdings nicht das Ziel eines offenen Putsches gegen die Staatsmacht, wie es einst beim Kapp-Putsch versucht wurde.[1] Ihre Pläne gehen vielmehr dahin, auf ‚legalem Wege‘ die Herrschaft über die Machtmittel des Staates zu erlangen. Anschließend wollen sie mit diesen Mitteln eine nationale Diktatur errichten und die republikanischen Volksmassen auf Dauer niederhalten.[2]

Die Absicht dieser Kreise sei es, innerpolitische Konflikte so weit zuzuspitzen, dass Reichsregierung und Reichspräsident sich gezwungen sehen, auf Grundlage des Artikels 48 der Reichsverfassung den Ausnahmezustand zu erklären.[1] Hierdurch würde die vollziehende Gewalt von den Zivilbehörden auf die Militärbefehlshaber übergehen.[2] Die Verschwörer gingen davon aus, dass Reichspräsident von Hindenburg aufgrund seiner Verfassungstreue für ein solches Vorgehen nicht zu gewinnen sei. Deshalb rechneten sie mit der Notwendigkeit, seine Abdankung zu erzwingen.[2] An seine Stelle solle dann ein Mann ihres Vertrauens treten, der nicht durch einen Eid an die Verfassung gebunden wäre.[1] Der Reichstag, der die Maßnahmen des Präsidenten aufheben könnte, würde daraufhin ohne Weiteres nach Hause geschickt werden.[2]

Als Beleg für die Radikalität der Pläne verwies Braun auf den Entwurf einer ‚Verordnung‘, der inzwischen von der Regierung veröffentlicht wurde.[1] Dieses von den vaterländischen Verbänden für den Tag der Diktatur vorbereitete Dokument zeige, dass man sich zur Machterhaltung allein durch die Androhung eines sinnlosen weißen Terrors und grausamster Todesstrafen für jede politische Betätigung behaupten wolle, selbst wenn dies nur für kurze Zeit gelte.[2] Die preußische Regierung, so Braun, verfolge die Tätigkeit dieser Verbände seit Langem sehr aufmerksam.[1] Unter dem Deckmantel scheinbar harmloser Sportvereine würden junge Menschen politisch fanatisiert und auch militärisch für den Bürgerkrieg gegen die Republik ausgebildet.[2]

Während die Regierung die Gefahr als sehr ernst einstuft, werden die Enthüllungen in Teilen der bürgerlichen Presse verharmlost. Das Hamburger Echo verweist auf einen Artikel des volksparteilichen Landtagsabgeordneten Dr. Pinkerneil in der Täglichen Rundschau.[3] Dieser bezeichnete die Notwendigkeit einer Diktatur als ‚faszinierend‘ und das Entwerfen von Plänen als nicht strafbar, selbst wenn diese ‚Köpfen, Hängen und Erschießen‘ vorsähen.[3] Solche Pläne seien billiger zu haben als Mäntel auf dem Trödelmarkt und von der Polizei nicht ernst zu nehmen.[3]

Ministerpräsident Braun entgegnete solchen Auffassungen, dass die Gefahr, die von den rechtsradikalen Verbänden ausgehe, ungleich größer sei als jene der Kommunisten.[1] Im Gegensatz zu den Kommunisten, die viel Lärm machten, aber an Schlagkraft verlören, arbeiteten die rechten Organisatoren still und intensiv im Geheimen.[1] Braun erklärte, er sei nicht der Ansicht, dass mit den jüngsten Enthüllungen die Gefahr beseitigt sei. Seiner Auffassung nach werde ein erheblicher Teil der Organisatoren ihre volksfeindliche Arbeit fortsetzen. Deshalb müssten die auf dem Boden der Verfassung stehenden Parteien die Dinge ernster nehmen als bisher.[1]