Nach acht Tagen ununterbrochener Verhandlungen ist die außerordentliche Sitzung des Zentralen Exekutivkomitees der Kuomintang in Canton am vergangenen Freitag zu einem Abschluss gelangt.[1] Die letzte Sitzung, die unter dem Vorsitz von General Tschiang Kai-schek stand, dauerte von den Morgenstunden bis in den späten Nachmittag.[1][2] Die Ergebnisse der Beratungen deuten auf eine erhebliche personelle und politische Neuausrichtung der Nationalen Volkspartei hin.

Für eine Überraschung sorgte zum Abschluss der Konferenz die Mitteilung über die Personalie des bisherigen Außenamtssekretärs Wu Han-min.[1] Entgegen früheren Berichten, wonach er sich auf einer wichtigen Mission in Schanghai befinde, wurde nun bekannt gegeben, dass Herr Wu auf „unbestimmte Zeit beurlaubt“ sei.[1] Zu seinem vorläufigen Nachfolger wurde Eugene Chen (Chen Youren) ernannt.[1] Chen, der frühere Herausgeber der eingestellten Zeitung Canton Times, gilt als energischer Publizist und ist erst kürzlich aus dem Norden zurückgekehrt. Dies geschah, nachdem Peking in die Hände der Generale Wu Peifu und Tschangtsolin (Zhang Zuolin) gefallen war.[1]

Inhaltlich waren die letzten Verhandlungen von zwei maßgeblichen Entschließungsanträgen geprägt. Beide wurden von Dr. C. C. Wu eingebracht und angenommen.[1] Die erste Resolution stellt fest, dass für die zukünftige Entwicklung der Bauern- und Arbeiterbewegungen eine neue Politik und neue Methoden gefunden werden müssen.[1] Die Ausarbeitung dieser Richtlinien wurde dem ständigen Ausschuss der Kuomintang übertragen. Dieser besteht aus neun Mitgliedern.[1]

Die zweite Resolution befasst sich mit theoretischen und umstrittenen Streitfragen, zu denen die Partei bislang keine endgültige Entscheidung getroffen hat.[1] Dem China Mail zufolge sollen diese Punkte, zu denen offenbar auch die Frage des ‚Klassenkampfes‘ zählt, an einen Sonderausschuss verwiesen werden.[1] Dieser Ausschuss hat den Auftrag, die Fragen zu untersuchen und dem nächsten Nationalkongress der Kuomintang im November entsprechende Vorschläge zu unterbreiten.[1]

Unterdessen hat sich auch der sowjetrussische Berater Borodin nach einer längeren Phase des Schweigens geäußert. Er äußerte seine Zuversicht bezüglich eines Sieges der Canton-Regierung im bevorstehenden Kampf gegen Wu Peifu.[1] Seine optimistische Einschätzung verband er jedoch mit der nachdrücklichen Forderung nach inneren Reformen.[1] Borodin erklärte, es sei von größter Wichtigkeit, die unter der Kontrolle der Nationalregierung stehenden Gebiete zu befrieden, das Banditenunwesen auszurotten sowie Verkehrswege, Handel und Industrie zu fördern.[1] Nur so könne die Provinz Kwangtung ein Vorbild für das gesamte Land werden.[1] Die nächste ordentliche Sitzung des Exekutivkomitees ist für Mitte August anberaumt.[1]