Reichsaußenminister Dr. Stresemann hat in einer Unterredung mit einem Vertreter des Stettiner General-Anzeigers die grundlegenden Voraussetzungen und Ziele der deutschen Außenpolitik dargelegt.[1] In seinen Ausführungen betonte der Minister, das oberste Ziel sei die Gesundung des deutschen Volkes auf friedlichem Wege und die damit verbundene Wiedererstarkung der Nation.[1] Dies allein könne die Grundlage für eine freie, gesicherte und entwicklungsfähige Existenz des Einzelnen wie des gesamten Staates schaffen.[1]
Als entscheidende Grundbedingung für den Erfolg nannte Stresemann die Notwendigkeit, das deutsche Volk zu einem einheitlichen Willen zusammenzufassen.[1] Eine Außenpolitik, die nicht von einem starken und geeinten Volkswillen getragen werde, könne niemals Aussicht auf Erfolg haben.[1] Der Minister äußerte sich dabei nüchtern über den zeitlichen Horizont und erklärte, es sei zweifelhaft, ob die gegenwärtige Generation eine Periode der deutschen Freiheit noch erleben werde.[1] Dennoch müsse man unablässig daran arbeiten, dieses Ziel für die kommenden Generationen zu erreichen.[1] Nur der unbedingte Glaube an den Erfolg gebe die Kraft, den vielfältigen Schwierigkeiten zu trotzen.[1]
Bei der Wahl der politischen Methoden ließ der Außenminister keinen Zweifel an seiner realistischen Einschätzung der Lage.[1] Ein Vorgehen, das auf bewaffneter Stärke beruhe, könne für Deutschland nicht in Betracht gezogen werden.[1] Es bleibe daher nur der Weg der diplomatischen Kleinarbeit, die es erfordert, alle internationalen Beziehungen zu nutzen und auszubauen.[1] Auch die Mitarbeit im Völkerbund in Genf folge dieser Linie.[1] Die Entscheidung über eine deutsche Beteiligung hänge selbstverständlich davon ab, ob ein politischer Erfolg zu erwarten sei.[1] Die Tatsache, dass Genf bei jeder Völkerbundtagung ein Treffpunkt der Staatsmänner aus aller Welt ist, mache eine deutsche Vertretung dort wünschenswert — allerdings nur unter Voraussetzungen, die dem Ansehen und der Würde des Reiches voll gerecht würden.[1]
In einer weiteren Betrachtung, über die das Harburger Tageblatt berichtet, wurde Deutschlands geschichtliche Mission als eine wesentlich positive Aufgabe beschrieben.[2] Abschließend ging Dr. Stresemann in dem Stettiner Gespräch auf die wirtschaftliche Lage ein.[1] Er betonte, die Wiederherstellung des wirtschaftlichen Gleichgewichts in der Welt setze voraus, dass auch das politische Gleichgewicht in Europa wiederhergestellt werde.[1] Ein solches europäisches Gleichgewicht sei jedoch ohne ein gesundes und erstarktes Deutschland nicht denkbar.[1]