Die bereits seit langem schwelenden Spannungen innerhalb der englischen Liberalen Partei haben nun einen Höhepunkt erreicht und drohen in einer offenen Spaltung zu enden.[1] Lord Oxford (H. H. Asquith), der frühere Premierminister, richtete in einem der Presse übergebenen Brief schwere Vorwürfe an den Führer der liberalen Unterhausfraktion, David Lloyd George.[2][1] Der Anlass für diesen außergewöhnlichen Schritt ist Lloyd Georges Haltung während des jüngsten Generalstreiks.[2]
Lord Oxford erklärte, er könne das Vorgehen Lloyd Georges nicht mit den Pflichten politischer Kameradschaft vereinbaren.[1] Dem Berliner Tageblatt zufolge wirft er Lloyd George vor, sich geweigert zu haben, mit den anderen Parteiführern die Streiklage zu erörtern.[1] Die Neue Freie Presse ergänzt, Lloyd George sei einer entscheidenden Sitzung des liberalen „Schattenkabinetts“ ferngeblieben. In dieser Sitzung wurde eine gemeinsame Linie festgelegt.[3] Als besonders schwerwiegend erachtet Lord Oxford einen Artikel, den Lloyd George für die amerikanische Presse verfasst hatte. Nach Oxfords Ansicht war dieser Artikel geeignet, den Widerstandswillen des englischen Volkes zu untergraben.[2][1]
Lloyd George hat in einer ersten, kurzen Erwiderung um einige Tage Bedenkzeit gebeten, bevor er eine ausführliche Antwort geben werde.[2] Aus der Washington Post geht jedoch bereits seine Verteidigungslinie hervor: Er argumentiert, die liberale Führung habe zu keinem Zeitpunkt eine bedingungslose Kapitulation der Streikenden als Vorbedingung für neue Verhandlungen gefordert.[2] Er verweist darauf, dass die Liberale Partei sowohl im Burenkrieg als auch im Weltkrieg eine Politik der Verhandlungsverweigerung bis zur vollständigen Unterwerfung des Gegners stets abgelehnt habe.[2]
Wie der Vorwärts ausführt, ist der gegenwärtige Konflikt nur die Fortsetzung einer langjährigen persönlichen und politischen Rivalität.[4] Lloyd George hatte Asquith während des Krieges rücksichtslos aus dem Amt des Premierministers verdrängt und später eine Koalition mit den Konservativen gebildet.[4] Obwohl die beiden Parteiflügel 1923 wiedervereinigt wurden, blieben die Gegensätze bestehen.[4] Lloyd George versucht seither, die zwischen den Konservativen und der aufstrebenden Arbeiterpartei zerriebene Liberale Partei durch ein radikaleres Programm, etwa eine fortschrittliche Agrarreform, neu zu beleben.[4] Diese Politik stieß jedoch auf heftigen Widerstand im gemäßigten Flügel der Partei.[4] Die jetzige Auseinandersetzung könnte nach Einschätzung politischer Beobachter den Niedergang der einst so mächtigen Partei erheblich beschleunigen.[4]