Die Vollsitzung der vorbereitenden Abrüstungskommission vom Dienstag hat einen Verlauf genommen, der von den allgemeinen Erwartungen erheblich abweicht.[1] Ursprünglich war vorgesehen, die erste Etappe der Verhandlungen mit der formellen Kenntnisnahme eines Schlussberichtes zu beenden. Am Mittwoch sollte daraufhin die feierliche Schlusssitzung folgen.[2] Stattdessen sah sich der Vorsitzende, der holländische Gesandte in Paris, Loudon, gezwungen, zwei weitere Vollsitzungen für den folgenden Tag anzusetzen, um eine unerwartete politische Debatte zu kanalisieren.[1][2]
Die Sitzung begann programmgemäß mit der Verlesung des Schlussberichtes über die Arbeiten der Redaktionskommission durch den belgischen Delegierten de Brouckère.[1] Unmittelbar danach meldeten sich jedoch die Vertreter der Kleinen Entente zu Wort. Diese Staaten waren an der Abfassung des Berichtes nicht beteiligt und zeigten hierüber eine deutliche Missstimmung.[1] Der rumänische Delegierte beantragte, die Aussprache zu vertagen, damit die nicht in der Redaktionskommission vertretenen Staaten Gelegenheit hätten, das umfangreiche Dokument zu prüfen.[1] Nach Angaben der Deutschen Allgemeinen Zeitung kritisierte der jugoslawische Vertreter außerdem die juristisch unklare Fassung einzelner Passagen.[2] Man einigte sich darauf, am Mittwochvormittag eine weitere Sitzung zur Diskussion des Berichtes abzuhalten.[1][2]
Die politische Spannung erhöhte sich, als der Präsident den Vertretern Griechenlands und Ungarns das Wort erteilte.[2] Beide Staaten, obwohl nicht Mitglieder der Kommission, hatten von ihrem Recht Gebrauch gemacht, Memoranden einzureichen.[2] Der griechische Gesandte Dendramin erklärte, seine Regierung mache die Zustimmung zu Abrüstungsmaßnahmen von der politischen Sicherheit abhängig.[2] Er forderte eine präzise Anwendung des Artikels 16 der Völkerbundsatzung und betonte den Wert regionaler Sicherheitsverträge.[1][2] Besondere Bedenken äußerte er im Hinblick auf Nachbarstaaten, die dem Völkerbund nicht angehören. Damit spielte er unmissverständlich auf die Türkei an.[1][2]
Für noch größere Erregung sorgte der Hinweis des ungarischen Vertreters, General von Tánczos, ein umfangreiches Memorandum über die Abrüstungslage seines Landes eingereicht zu haben.[2] In einer Begleitnote, die der tschechoslowakische Delegierte Veverka verlas, wies die ungarische Regierung darauf hin, dass sie in dem Dokument die politischen Grundlagen der Abrüstung eingehend gewürdigt habe.[2] Lord Robert Cecil schlug vor, die Denkschriften zur weiteren Prüfung an die zuständigen Unterkommissionen zu überweisen. Dies stieß jedoch auf den geschlossenen und scharfen Widerstand der Vertreter Jugoslawiens, Rumäniens und der Tschechoslowakei.[1][2] Sie verlangten einstimmig eine öffentliche politische Aussprache über das ungarische Memorandum in einer Vollsitzung, bevor eine Weiterleitung an irgendeine Kommission erfolge.[1]
Dem Drängen der Kleinen Entente musste der Präsident nachgeben.[1] Er setzte für Mittwochnachmittag eine weitere Vollsitzung eigens zur Behandlung der ungarischen Eingabe an.[2] In Genfer diplomatischen Kreisen erwartet man nun, dass der ungarische Vertreter die Abrüstung seines Landes als Musterbeispiel inmitten hochgerüsteter Nachbarn darstellen und die politische Lage Ungarns eingehend erörtern wird.[1] Durch das energische Vorgehen der Kleinen Entente wurde eine öffentliche Debatte über heikle politische Fragen erzwungen. Eine Überweisung an die Fachausschüsse, wie ursprünglich vorgesehen, hätte dies verhindert.[1][2]