Eine furchtbare Katastrophe hat am späten Pfingstmontag die Stadt München heimgesucht und in Bayern wie in anderen Teilen Deutschlands tiefes Entsetzen ausgelöst. Um 22:30 Uhr prallte auf den Gleisanlagen vor dem Ostbahnhof ein verspäteter Personenzug aus Salzburg mit großer Wucht auf einen soeben anfahrenden, ebenfalls verspäteten Personenzug aus Berchtesgaden.[1] Die Folgen des Zusammenstoßes sind verheerend: Nach den letzten amtlichen Mitteilungen forderte das Unglück 28 Todesopfer. Eine weitere Schwerverletzte war im Krankenhaus ihren Leiden erlegen.[2] Die Zahl der Verletzten beläuft sich auf über 100; am Dienstag befanden sich noch 83 in stationärer Behandlung.[3][4]

Die Unglücksstelle bot ein Bild grauenhaften Durcheinanders. Die beiden letzten Wagen des Berchtesgadener Zuges (Nr. 820) wurden vollständig zertrümmert.[1] Vom auffahrenden Salzburger Zug (Nr. 814) entgleiste die Lokomotive. Die folgenden vier Wagen der vierten Klasse schoben sich ineinander.[1] Unmittelbar nach dem Zusammenprall erfüllten Wehklagen und die Angstrufe von Angehörigen, die nach Vermissten suchten, die Luft.[2] Sofort eilten Sanitätsmannschaften und Helfer herbei. Bergwachtleute und Alpinisten, die sich unter den Fahrgästen befanden, begannen umgehend mit den Rettungsarbeiten.[2] Die Bergung der in den Trümmern Eingeklemmten gestaltete sich außerordentlich schwierig. Teilweise mussten Sägen, Äxte und sogar Schweißapparate eingesetzt werden, um die Opfer aus ihrer Lage zu befreien.[1]

Über die Ursache der Katastrophe scheint nach den ersten Untersuchungen Klarheit zu bestehen. Ein amtlicher Bericht der Reichsbahn sowie die Feststellungen einer an der Unfallstelle eingesetzten Kommission weisen die Schuld dem Lokomotivführer des Salzburger Zuges zu.[2][1] Dieser hatte, wie aus der Mitteilung der Reichsbahn hervorgeht, ein auf „Halt“ gestelltes Blocksignal überfahren.[2] Der Führer des Zuges — ein Mann namens Aubele, Anfang der Vierzigerjahre — erklärte kurz nach dem Unfall einem Fahrgast, die unübersichtliche Kurve sei schuld gewesen.[2] Er habe geglaubt, das auf freie Fahrt gestellte Haupteinfahrtssignal gelte seinem Zug.[2] Dieses Signal war jedoch für den vor ihm fahrenden Berchtesgadener Zug bestimmt, der seinerseits mit einer Stunde Verspätung auf die Einfahrt gewartet hatte.[2][5] Erst im letzten Augenblick habe er die Schlusssignale des vorderen Zuges erkannt und eine Notbremsung eingeleitet. Der Aufprall konnte jedoch nicht mehr verhindert werden.[1]

Eine Überarbeitung des Lokomotivführers wird als Unglücksursache ausgeschlossen, da er nachweislich die erforderliche Ruhezeit eingehalten hatte.[5] Die Signalanlagen selbst haben, wie die Untersuchungskommission unter Leitung von Reichsbahndirektor von Frank feststellte, einwandfrei funktioniert.[2] Zur weiteren Klärung des Hergangs hat die Hauptverwaltung der Reichseisenbahn einen Referenten, Reichsbahndirektor Kilp, nach München entsandt. Das Reichsverkehrsministerium schickte Geheimrat Zickler an die Unglücksstätte.[1][5]

Die genaue Zahl der Opfer war zunächst unklar. Frühe Meldungen, auch in der ausländischen Presse, sprachen von bis zu 33 Toten, wie die englische *China Mail* berichtete.[6] Spätere amtliche Berichtigungen nannten 23 aus den Trümmern geborgene Tote, zu denen mehrere im Krankenhaus Verstorbene hinzukamen.[3] Bis Dienstagnachmittag konnten die meisten Todesopfer identifiziert werden.[2] Die Aufräumarbeiten waren am Nachmittag beendet, sodass die Gleise schrittweise wieder für den Verkehr freigegeben werden konnten.[2]

Die Nachricht von dem Unglück löste in ganz Deutschland Bestürzung aus. Reichspräsident von Hindenburg richtete ein Beileidstelegramm an die Reichsbahnverwaltung in München.[2][1] Auch Reichskanzler Dr. Marx sowie der preußische Ministerpräsident Braun übermittelten der bayerischen Regierung ihre Anteilnahme.[3][5] In München selbst wurden auf Anordnung von Oberbürgermeister Scharnagl die städtischen Gebäude mit Trauerfahnen beflaggt, und das Glockenspiel am Rathaus wurde eingestellt.[2] Für den Tag der Beisetzung der Opfer ist ein Verbot sämtlicher öffentlicher Lustbarkeiten, einschließlich Theater- und Kinovorstellungen, geplant.[1]