Der Parteitag der französischen Sozialisten in Clermont-Ferrand ist am Mittwochabend zu Ende gegangen, ohne dass es gelang, die tiefen inneren Gegensätze zu überbrücken.[1] Zwar setzte sich die von Léon Blum und Jean Zyromski geführte Parteimehrheit mit ihrem Antrag durch. Doch der rechte Flügel unter Führung des Abgeordneten Renaudel verweigerte seine Zustimmung. Dadurch entstand eine Lage, die das Berliner Tageblatt als eine „moralische Spaltung“ der Partei bezeichnet.[2]
Die vom Kongress angenommene Entschließung lehnt jede Beteiligung an einer bürgerlichen Regierung entschieden ab.[1][2] Sie erklärt sich jedoch bereit, ein Kabinett zu unterstützen, das das sozialistische Finanzprogramm übernimmt, insbesondere die Forderung nach einer Kapitalabgabe.[1][2] Gegenüber jeder anderen Regierung müsse die sozialistische Kammerfraktion eine oppositionelle Haltung einnehmen.[1] Ferner wurde eine Einheitsfront mit den Kommunisten abgelehnt.[1]
Der eigentliche Bruch erfolgte jedoch nicht in der Frage der allgemeinen Politik. Vielmehr kam es in der heiklen Angelegenheit der Parteidisziplin zur entscheidenden Auseinandersetzung.[1][3] Der Renaudel-Flügel betrachtete die verschärften Disziplinarbestimmungen als ein Instrument der Parteiführung, um unliebsame Mitglieder zu maßregeln.[3] Dem Pariser Figaro zufolge äußerte Renaudel die Befürchtung, dass nach dem Ausschluss des Opfers Alexandre Varennes bald weitere gemäßigte Politiker ausgeschlossen werden könnten.[3] Trotz nächtelanger Verhandlungen in den Ausschüssen scheiterte jeder Einigungsversuch an dieser Frage.[3]
In der Schlussabstimmung standen sich schließlich zwei Anträge gegenüber: der der Mehrheit um Blum und Paul Faure sowie ein weiterer der äußersten Linken.[1] Der Abgeordnete Marquet erklärte für den rechten Flügel, man werde sich der Abstimmung enthalten, da eine Einigung in der Disziplinarfrage nicht erzielt worden sei.[1][3] Renaudel selbst sprach von der „schmerzlichsten Stunde“ seiner politischen Laufbahn.[1][3]
Die Gesamtentschließung der Mehrheit wurde mit 2.249 Stimmen gegen 166 Stimmen der äußersten Linken bei 685 Enthaltungen angenommen.[1][3] Als weitere Konsequenz des Streites lehnte die Renaudel-Gruppe die ihr zustehenden Sitze in der Parteileitung ab.[2] Der Parteitag beschloss jedoch, diese Plätze vorläufig freizuhalten, in der Hoffnung, die abtrünnigen Mitglieder noch umstimmen zu können.[1][2]
Die Pariser Presse wertet den Ausgang des Kongresses als Zeichen einer tiefen Zerrissenheit der Sozialistischen Partei. Nach Ansicht des Temps ist die Partei unvereinbar zwischen republikanisch-demokratischen Impulsen und marxistischen Dogmen hin- und hergerissen.[4] Das Blatt ist der Auffassung, dass in Parteien dieser Art erfahrungsgemäß stets die radikalste Strömung schließlich die Oberhand gewinnt.[4]