Der Nationalkongress der französischen Sozialistischen Partei in Clermont-Ferrand ist mit einer deutlichen Stärkung des linken Flügels zu Ende gegangen. Die Fraktion um Léon Blum, Paul Faure und Zyromski setzte sich gegen den gemäßigten Flügel durch, der von Pierre Renaudel angeführt wird.[1] In einer entscheidenden Resolution proklamierte der Kongress eine Politik der „klaren und energischen Opposition“ gegen die amtierende Regierung.[1]
Die neue Linie schließt eine Regierungsbeteiligung kategorisch aus. Auch eine parlamentarische Unterstützung knüpft die Partei an weitreichende Bedingungen. Sie fordert insbesondere die Einführung eines Kapitalzuschlags, die Stabilisierung der Währung, eine Friedenslösung in Marokko auf dem Verhandlungsweg sowie die Reduzierung des Militärdienstes.[1] Jeder Versuch der Regierung, diese Kernforderungen zu umgehen, soll auf den entschiedenen Widerstand der sozialistischen Abgeordneten stoßen.
Innerhalb der Partei offenbarten sich beim Kongress tiefe Gräben. Nach Angaben der Zeitung Le Temps weigerte sich die unterlegene Rechte um Renaudel, Sitze in der ständigen Verwaltungskommission der Partei einzunehmen. In Pariser Kreisen wird dies als eine ‚moralische Spaltung‘ bezeichnet.[1] Dennoch erklärten die Vertreter des rechten Flügels, sich der Parteidisziplin unterwerfen zu wollen. Ein letzter Versuch eines Kompromisses scheiterte laut Bericht am Fall des Genossen Ernest Poisson: Er weigerte sich, seine Unterschrift unter einem Aufruf zu freiwilligen Staatsanleihen zurückzuziehen.[1]
Die sowjetische Prawda wertet die Vorgänge als ein taktisches Manöver. Dem Moskauer Blatt zufolge seien „allzu anrüchige renegatenhafte Figuren“ wie Renaudel bewusst in den Hintergrund gedrängt worden, um die Arbeitermassen zu beruhigen.[2]
Die Folgen des neuen Kurses traten bereits unmittelbar nach dem Kongress in der französischen Kammer zutage. Dem Figaro zufolge traten die Sozialisten, die zwischen Clermont-Ferrand und Paris ihre Einheit wiederherstellten, geschlossen gegen das Kabinett Briand auf.[3] Bei der Abstimmung über die Vertagung der Finanzdebatte stimmten sie gemeinsam mit den Kommunisten und etwa sechzig Radikalen gegen die Regierung, wie die Deutsche Allgemeine Zeitung berichtet.[4] Ministerpräsident Briand konnte die Vertrauensfrage nur dank der Stimmen der Rechten mit 320 gegen 209 Stimmen für sich entscheiden. Damit gestaltet sich die parlamentarische Lage für sein Kabinett außerordentlich verwickelt.[4][3]