In der Frage der Erweiterung des Völkerbundrates, die im März noch zu einer schweren Krise geführt hatte, zeichnet sich nun eine Lösung ab. Wie aus gut unterrichteten Kreisen in Genf verlautet, ist die brasilianische Regierung bereit, auf einen ständigen Sitz im Rate zu verzichten und ihren Widerstand gegen den alleinigen Eintritt Deutschlands aufzugeben.[1][2] Damit scheint der Weg für die Aufnahme des Deutschen Reiches in der September-Tagung des Völkerbundes gesichert.[3]
Die entscheidende Wende geht auf Erklärungen des brasilianischen Delegierten Montarroyos zurück.[1] Dieser hatte bereits in der Studienkommission dem deutschen Vertreter, Botschafter von Hoesch, versichert, dass Brasilien alles tun werde, um den deutschen Beitritt zu ermöglichen.[1] In einer späteren Unterredung bekräftigte Montarroyos diese Haltung und teilte mit, Brasilien werde bei der kommenden Völkerbundversammlung nicht von seinem Vetorecht Gebrauch machen.[1][3] Die französische Presse, insbesondere der Pariser Temps, hatte irrtümlich berichtet, Herr de Mello Franco habe diese Mitteilung gemacht. Dies wurde inzwischen korrigiert.[1] Allerdings bestätigte de Mello Franco die versöhnliche Haltung seiner Regierung in Gesprächen mit dem deutschen Vertreter Graf Bernstorff ebenfalls.[2]
Als weiteren Beweis der freundschaftlichen Gesinnung bestand Delegierter Montarroyos darauf, Botschafter von Hoesch persönlich am Bahnhof zu verabschieden. Dadurch sollte öffentlich gezeigt werden, dass jedes Missverständnis zwischen beiden Ländern beseitigt sei.[1] Brasilien schließt sich nun dem Reformvorschlag an, den Lord Robert Cecil ausgearbeitet hat.[1][2] Aus dem spanischen Blatt El Sol geht hervor, dass diese Entwicklung als außerordentliche Erleichterung für die Lösung der gesamten Ratsfrage angesehen wird.[4]
Nach dem nunmehr favorisierten Plan soll der Völkerbundrat künftig aus fünf ständigen Mitgliedern — Großbritannien, Frankreich, Italien, Japan und Deutschland — sowie neun nichtständigen Mitgliedern bestehen.[1] Drei dieser nichtständigen Sitze sollen durch eine Zweidrittelmehrheit der Völkerbundversammlung für eine weitere Amtsperiode wählbar sein. Auf diese Weise erhalten sie eine Art halbständige Natur.[1] Es wird angenommen, dass diese Sitze für Spanien, Brasilien und Polen bestimmt sind, um deren Forderungen zu berücksichtigen.[1] Die diplomatischen Bemühungen richten sich nun darauf, auch die Zustimmung Spaniens zu dieser Regelung zu erreichen.[1]