Der Versuch der Reichsregierung, den nach dem Sturz des Kabinetts Luther schwelenden Flaggenstreit durch einen Kompromiss beizulegen, nimmt konkretere Formen an. In Regierungskreisen wird die Schaffung einer neuen „Einheitsflagge“ erwogen, die die verfeindeten Lager hinter Schwarz-Rot-Gold und Schwarz-Weiß-Rot versöhnen soll.[1] Auf Anregung des Reichspräsidenten hat nun der Reichskunstwart, Dr. Redslob, einen eigenen Entwurf ausgearbeitet, den er den zuständigen Stellen demnächst vorliegen wird.[2]
Der Vorschlag Redslobs bedeutet eine radikale Abkehr von der seit der Französischen Revolution üblichen Trikolore.[2] An ihre Stelle soll eine Kreuzfahne treten, wie sie auch die nordischen Völker, England und die Schweiz führen.[2] Der Entwurf sieht ein schwarzes, bis an den Rand reichendes Ritterkreuz vor, das die Flagge in vier Felder teilt.[1] Die beiden Gevierte am Fahnenstock sollen oben rot und unten golden sein. Die beiden äußeren Felder wären oben golden und unten rot gefärbt.[1] Die alten kaiserlichen Farben Schwarz-Weiß-Rot fänden damit keine Berücksichtigung mehr.[2]
Der Vorstoß des Reichskunstwarts erfolgt zu einer Zeit, in der die Proteste gegen den Flaggenerlass des früheren Reichskanzlers Luther anhalten. Nach Preußen und den Hansestädten Hamburg und Lübeck hat sich nun auch Bremen der Forderung nach einer Rücknahme der Verordnung angeschlossen, wie das Hamburger Echo berichtet.[1]
Die Erfolgsaussichten des neuen Entwurfs werden in politischen Kreisen jedoch als äußerst gering eingeschätzt.[1] Aus dem Berliner Tageblatt geht hervor, dass niemand dieser Lösung zustimmt.[2] Für die Republikaner sei eine Fahne, die den Charakter des in der Verfassung verankerten Symbols gänzlich verwischt, unannehmbar.[2] Den Monarchisten wiederum dürfte das schwarze Kreuz kaum genügen.[2] Es ist daher zu erwarten, dass der zuständige Reichstagsausschuss den Vorschlag nicht einmütig annehmen wird.[1]
Das Reichsministerium des Innern, dem bereits Dutzende ähnlicher Vorschläge vorliegen, wird in dieser Woche mit ersten Beratungen beginnen.[2] Dr. Redslob befasst sich zunächst mit der Sichtung und bildlichen Darstellung sämtlicher eingereichter Entwürfe.[2] Eine Befassung des Reichskabinetts mit der heiklen Frage steht in nächster Zeit noch nicht bevor.[2]