Die Frage, ob Belgien von der Landkarte Europas verschwinden wird, beschäftigt die politische Öffentlichkeit des Landes mit wachsender Intensität.[1] Der Sprachenstreit, der das Zusammenleben von Wallonen und Flamen seit jeher überschattet, tritt nach den Jahren der nationalen Einheit während des Krieges erneut deutlich hervor und stellt die staatliche Existenz infrage.[1]
Die Wurzeln des Konflikts liegen tief in der Geschichte des Landes.[1] Während der zwanzigjährigen Zugehörigkeit zu Frankreich in der Revolutions- und napoleonischen Zeit war die französische Sprache in Verwaltung, Recht und Bildungswesen vorherrschend.[1] In der anschließenden holländischen Periode erlebte die flämische Sprache einen Aufschwung; jedoch fand diese Entwicklung nach der Erlangung der Unabhängigkeit Belgiens ein jähes Ende.[1] Die herrschenden Kreise betrachteten alles Flämische als minderwertig und setzten Französisch als einzige offizielle Sprache des jungen Königreichs durch.[1]
Diese Benachteiligung rief eine starke flämische Bewegung hervor, die in jüngster Zeit erheblich an Einfluss gewonnen hat.[1] Inzwischen gibt es eine klar umrissene Strömung, die eine Selbstverwaltung für Flandern fordert.[1] Wie die Los Angeles Times in einer Korrespondenz berichtet, nehmen extremistische Gruppen unter den flämischen Nationalisten — sogenannte ‚Frontisten‘ und ‚Aktivisten‘ — sogar offen den Gedanken eines Anschlusses an Holland in Kauf.[1] Sollte dieser Fall eintreten, so ist die Befürchtung, bliebe den Wallonen nur die Möglichkeit eines Anschlusses an Frankreich, was das Ende des belgischen Staates bedeuten würde.[1]
Die politische Atmosphäre ist äußerst gespannt. Vor nicht langer Zeit kam es zu einem Tumult im Parlament, nachdem ein flämischer Bürgermeister in Aalst abgesetzt worden war.[1] Dieser hatte anlässlich des Jahrestages der Sporenschlacht die Nationalflagge eingeholt und sie durch das Emblem der flämischen Separatisten ersetzt.[1] Bei späteren Demonstrationen erhielten die Flamen den Aufruf, ihre Rechte nicht länger zu erbitten, sondern sich zu nehmen.[1] Trotz der tiefen Spaltung stößt jedoch eine Einmischung von außen, etwa durch die Kommunisten, weitgehend auf Ablehnung, da die Belgier ihre inneren Kämpfe untereinander austragen wollen.[1]