In Paris haben sich Feministinnen aus aller Welt versammelt, um am Internationalen Frauenstimmrechtskongress teilzunehmen, der am morgigen Sonntag in der Sorbonne feierlich eröffnet wird.[1] Bereits im Vorfeld zeichnen sich jedoch erhebliche Meinungsverschiedenheiten ab. Diese stellen den Zusammenhalt der Bewegung auf eine harte Probe.

Eine erste heftige Auseinandersetzung entbrannte um eine Resolution zur unbedingten Gleichstellung von Frauen und Männern in der Industrie.[1] Nach einer vierstündigen, hitzig geführten Debatte nahmen die Delegierten den Antrag an. Er fordert, die traditionelle Bezeichnung der Frau als das „schwächere Geschlecht“ endgültig abzulegen.[1] Dieser Beschluss geht weit über alle bisherigen Forderungen der Frauenstimmrechtsbewegung hinaus und markiert eine bemerkenswerte programmatische Verschärfung.[1]

Die eigentliche Zerreißprobe steht dem Kongress allerdings noch bevor. Wie die Washington Post meldet, droht die Frage um die Aufnahme der amerikanischen Nationalen Frauenpartei die gesamte Allianz zu spalten.[1] Der Vorstand der internationalen Vereinigung sowie die Präsidentinnen der angeschlossenen Gesellschaften haben empfohlen, den Aufnahmeantrag abzulehnen.[1] Grund für diese Empfehlung ist der scharfe Protest einer anderen amerikanischen Mitgliedsorganisation, der Liga der Wählerinnen.[1]

Die Abstimmung über diese heikle Angelegenheit ist für den kommenden Montag angesetzt.[1] Beobachter sehen in dem Konflikt eine grundsätzliche Auseinandersetzung über den künftigen Kurs der Frauenbewegung. Dabei müsse sich die Bewegung zwischen den Polen von traditioneller Weiblichkeit und radikalem Feminismus entscheiden.[1] Der Ausgang der Abstimmung wird zeigen, ob eine Spaltung des Kongresses noch abgewendet werden kann.[1]