Die Befürchtungen, dass der Jahrestag der blutigen Zusammenstöße des Vorjahres in Schanghai zu neuen Ausschreitungen führen würde, haben sich bestätigt.[1][2] Seit den Mittagsstunden des Sonntags kam es im internationalen Viertel der Stadt zu erheblichen Tumulten, die von den Behörden jedoch mit großer Umsicht behandelt wurden.[3][4]
Die Unruhen nahmen ihren Ausgang in der belebten Nanking Road, wo sich bereits am Mittag eine große Menschenmenge versammelt hatte, die zumeist aus Neugierigen bestand.[3] Politische Agitatoren nutzten die Gelegenheit, um die Stimmung aufzuheizen. Teile der Menge begannen daraufhin, Straßenbahnwagen anzuhalten, Fahrgäste zum Aussteigen zu zwingen und die Fensterscheiben zu zertrümmern.[1][3] Es kam zudem zu Angriffen auf Ausländer, die sich in Rikschas befanden, sowie zu Belästigungen. Auch wurden chinesische Kulis geschlagen.[3]
Die städtische Polizei war mit starken Kräften zur Stelle und riegelte die belebtesten Straßenabschnitte sowie das Gebiet um die Louza-Polizeiwache ab, den Schauplatz der letztjährigen Ereignisse.[3] Ein gepanzertes Automobil, auf dessen Dach Polizisten mit schnell feuernden Waffen postiert waren, fuhr die Straße auf und ab, während per Megafon Warnungen an die Menge ergingen.[3] Auch die Feuerwehr wurde aufgeboten und säumte die Seitenstraßen. Als die Menge begann, die Feuerwehrleute mit Ziegelsteinen zu bewerfen, antworteten diese mit dem Einsatz von Wasserschläuchen, um die Randalierer zurückzudrängen.[3]
Bei den Zusammenstößen gab es mehrere Verletzte. Laut der *China Mail* wurde ein ausländischer Feuerwehrmann schwer und ein weiterer ausländischer Zivilist erheblich verletzt.[3] Dem *Hong Kong Telegraph* zufolge mussten drei Männer und eine Frau nach tätlichen Angriffen ärztlich versorgt werden. Sie konnten das Krankenhaus nach der Behandlung jedoch wieder verlassen.[4] Von Schusswaffengebrauch seitens der Polizei wurde von keiner Seite berichtet; die Beamten zeigten äußerste Zurückhaltung.[1][3][2] Bemerkenswert war, dass Chinesen aus den besseren Ständen versuchten, auf die Menge beruhigend einzuwirken, jedoch ohne greifbaren Erfolg.[3][4] Gegen 16:30 Uhr hatte die Polizei die Lage weitgehend unter Kontrolle und begann, die Nanking Road zu räumen.[3][4] Zur Unterstützung wurde die Hälfte der Freiwilligenverbände sowie eine Motorradstaffel zur Überwachung der Nebengassen mobilisiert.[4]
Unterdessen fand in Berlin eine Gedenkfeier für die Opfer des Vorjahres statt, die einen merkwürdigen Verlauf nahm. Aus dem Bericht der *Deutschen Allgemeinen Zeitung* geht hervor, dass die Veranstaltung im Schubertsaal zunächst mit einer würdigen Ansprache des Vorsitzenden des chinesischen Ausschusses begann.[5] Nach einer sachlichen Schilderung der Ereignisse durch einen chinesischen Redner und ehrenden Worten des Generalsekretärs des Verbandes des Fernen Ostens, Dr. Linde, übernahmen anschließend kommunistische Agitatoren die Regie.[5] Mehrere junge Redner priesen mit bekannten Phrasen Sowjetrussland als einzigen wahren Freund Chinas.[5] Der Zeitung zufolge gipfelte die Veranstaltung in der Vorführung eines 28 Jahre alten Bildes aus der Zeit des Boxeraufstandes, das die Hinrichtung eines Chinesen im Beisein deutscher Soldaten zeigte. Dies löste bei den anwesenden deutschen Gästen erhebliche Irritationen aus.[5]
In Schanghai lösten sich die Menschenansammlungen gegen Abend allmählich auf.[4] Die Behörden hoffen, dass sich die Tumulte auf den heutigen Tag beschränken und nicht weiter andauern werden.[1][2]