In den politischen Kreisen der amerikanischen Hauptstadt sorgt die Ankündigung einer parlamentarischen Untersuchung gegen die einflussreiche Anti-Saloon League, die treibende Kraft hinter der Prohibition, für erhebliches Aufsehen. Wie die Washington Post berichtet, beabsichtigt der Abgeordnete George H. Tinkham aus Massachusetts, dem Repräsentantenhaus eine Resolution zur Einsetzung eines Untersuchungsausschusses vorzulegen.[1] Dieser soll mögliche Geldzahlungen der Liga an den Abgeordneten Louis C. Cramton aus Michigan sowie an andere Mitglieder des Hauses aufklären.[1]

In einer gestern veröffentlichten Erklärung legte Tinkham die Gründe für seinen Vorstoß dar.[1] Er führte aus, die Zeit sei gekommen, die „kirchliche und politische Organisation“, wie er die Liga bezeichnete, „ohne Samthandschuhe“ zu behandeln.[1] Die Anti-Saloon League kontrolliere die Regierung durch Furcht und Geld so stark, dass eine freie Staatsführung zu einer „Farce und einem Phantom“ geworden sei.[1] Die von der Liga in die amerikanische Politik eingebrachten Streitfragen könnten nicht durch Kompromisse beigelegt werden; sie bedrohten sogar die Festigkeit der Union selbst.[1]

Der geplante Untersuchungsausschuss soll aus fünf Mitgliedern des Hauses bestehen.[1] Seine Aufgabe wäre es zu prüfen, ob der Abgeordnete Cramton oder andere Abgeordnete Gelder oder Honorare von einer Organisation erhalten haben, die Gesetzesvorhaben vor dem Kongress vertritt.[1] Tinkham verwies auf einen unbestrittenen Zeitungsbericht aus New York. Demnach habe Cramton zugegeben, von Zeit zu Zeit Gelder von der Anti-Saloon League erhalten zu haben.[1] In der Resolution wird dieses Vorgehen als unethisch bezeichnet; es beeinträchtige außerdem die unparteiische Prüfung von Gesetzen.[1]

Die große und geheime Macht der Liga bestehe in ihrem Geld, erklärte Tinkham weiter.[1] Eine vollständige öffentliche Offenlegung ihrer Finanzen würde, wie er erläuterte, den „ungeheuerlichsten Skandal“ enthüllen, den die Vereinigten Staaten je erlebt hätten.[1] Ein solcher Bericht würde eindeutig zeigen, dass der 18. Verfassungszusatz, die Grundlage der Prohibition, nicht durch den spontanen Ausdruck der öffentlichen Meinung, sondern durch „verschlagenen und heimlichen Einsatz von Geld und die Anwendung von kirchlichem Zwang“ erreicht worden sei.[1]

Die Vorwürfe richten sich auch gegen den führenden Kopf der Organisation, Wayne B. Wheeler, dem Tinkham Falschdarstellungen vor dem Kongress und in der Presse zuschreibt.[1] Die Macht der Liga sei so groß, dass sie eine „Regierung in der Regierung“ bilde. Dadurch werde die freie Tätigkeit des Kongresses unterdrückt, dessen Ausschüsse sich nach den Befehlen ihrer Agenten richten müssten.[1] Tinkham behauptete ferner, die Organisation habe die Bundesgerichte mit ihr genehmen Personen besetzt und damit das Vertrauen in deren Unabhängigkeit erschüttert.[1]