Die politische Lage in der Hansestadt Lübeck wird durch eine schwere Affäre um den amtierenden Bürgermeister Dr. Neumann bestimmt. In der Lübecker Bürgerschaft entbrannten bei den Verhandlungen über einen von den Sozialisten eingebrachten Misstrauensantrag heftige Auseinandersetzungen.[1] Gegenstand der Debatte sind die Verbindungen des Bürgermeisters zu alldeutschen und monarchistischen Kreisen sowie seine Haltung zu den jüngsten polizeilichen Maßnahmen gegen rechtsradikale Organisationen.[2]

Die Gegner Neumanns werfen ihm vor, zugunsten einer monarchistischen Rechten gegen die Volksmacht zu konspirieren.[2] Konkret wurde in der Bürgerschaft der Vorwurf erhoben, Neumanns Vertrauter, der Alldeutsche Claß, habe „bei allen Putschen die Hand im Spiele gehabt“.[1] Diese Anschuldigungen belasteten die politische Atmosphäre spürbar. Aus dem *Hamburger Echo* wird berichtet, dass Neumann von seinen Kritikern als „vertrockneter Bureaukrat und schwarz-weiß-roter Monarchist“ bezeichnet wird. Dennoch halte ihm die große Mehrheit der bürgerlichen Vertreter aus Eigensinn weiterhin die Treue.[2]

Die Affäre hat inzwischen auch die preußische und die Reichspolitik erreicht. Berichte über die umstrittenen Haussuchungen bei als rechtsstehend bekannten Persönlichkeiten griff man in der Debatte auf.[1] Nach Angaben aus dem *Berliner Tageblatt* verteidigte Ministerialdirektor Dr. Abegg vom preußischen Innenministerium das Vorgehen der Polizei und bezeichnete es als gesetzliche Pflicht.[3] Er äußerte sein Bedauern darüber, dass die Aktion durch Indiskretionen an Wirkung verloren habe, hob jedoch hervor, dass der Oberreichsanwalt auf Grundlage des gefundenen Materials bereits in drei Fällen die Voruntersuchung eingeleitet habe.[3] Ein Redner im preußischen Landtag bemerkte zudem, man habe Bürgermeister Neumann in Lübeck „durch Abstimmung erledigt und damit den angestrebten Zweck erreicht“.[1] Die Angelegenheit zeigt, wie tief die politischen Gegensätze zwischen republikanischen und restaurativen Kräften auch auf kommunaler Ebene sind.