Das jüdische Siedlungswerk in Palästina durchlebt derzeit eine der schwersten Krisen seit dem Ende des Krieges.[1] Wie die Neue Freie Presse berichtet, wird der Zustand von ansässigen Beobachtern bereits mit der wirtschaftlichen Notlage Österreichs im Jahre 1922 verglichen. Es herrscht eine Lage der Ratlosigkeit gegenüber finanziellen und ökonomischen Schwierigkeiten, die ohne Hilfe von außen kaum zu überwinden sein dürften.[1]
Die Zahlen spiegeln die ernste Situation wider. In den ersten vier Monaten des laufenden Jahres sank die Zahl der Einwanderer auf 7000 Personen gegenüber 9000 im gleichen Zeitraum des Vorjahres.[1] Gleichzeitig hat sich die Auswanderung von durchschnittlich 150 Personen pro Monat auf 300 bis 400 erhöht.[1] Die Arbeitslosigkeit hat einen besorgniserregenden Umfang angenommen. Berichten zufolge sind derzeit 4000 jüdische Arbeiter und 700 Arbeiterinnen nur an weniger als drei Tagen der Woche beschäftigt.[1] Diese Entwicklung trifft auch den Handel schwer; allein in Tel Aviv schlossen während der letzten Woche 25 Läden.[1] Große Fabriken, darunter eine Möbelfabrik und eine Silikatfabrik, stehen vor der Stilllegung, nachdem die Regierung ihnen eine erbetene Zollreform versagt hat.[1]
Die zionistische Exekutive ist außerstande, der Krise wirksam zu begegnen, da ihr die Mittel für neue, umfangreiche Projekte fehlen.[1] Drei wichtige Vorhaben können nicht in Angriff genommen werden: die Ansiedlung von 4000 Arbeiterfamilien in der Bucht von Haifa, die Schaffung einer neuen Siedlung nördlich von Tel Aviv für 1600 Arbeiter zur Senkung der Mieten sowie die Gewährung von Baukrediten.[1] Nach Angaben der Neuen Freien Presse würden für die Durchführung dieser Projekte zwischen 300.000 und 400.000 Pfund benötigt, doch die Gelder fehlen.[1]
Über die Ursachen des Geldmangels gehen die Meinungen auseinander. Während die zionistische Führung auf eine unzureichende Spendenbereitschaft verweist, machen die Siedler in Palästina die Politik der Mandatsregierung verantwortlich.[1] Sie argumentieren, die Regierung besteuere die jüdische Einwanderung und Kolonisation stark, ohne entsprechende Gegenleistungen zu erbringen.[1] So habe die Regierung in fünf Jahren rund 1,5 Millionen Pfund an Einnahmen erzielt, während die zionistische Exekutive eine ebenso große Summe für öffentliche Arbeiten wie den Bau von Schulen und das Sanitätswesen aufwenden musste; diese Aufgaben sollten eigentlich vom Staat übernommen werden.[1] Als konkretes Beispiel wird die Kopfsteuer von einem ägyptischen Pfund pro Einwanderer genannt. Sie verschafft der Regierung erhebliche Einnahmen, wird aber nur zu einem kleinen Teil für die Verwaltung der Immigration verwendet.[1] Ähnliche Vorwürfe betreffen das Gesundheitswesen. Hier tragen die jüdischen Organisationen den größten Teil der Kosten, ohne einen entsprechenden Anteil aus dem Regierungsbudget zu erhalten.[1]