Die Landtagswahlen vom vergangenen Sonntag in Mecklenburg-Schwerin haben zu einer deutlichen politischen Verschiebung geführt.[1] Die Sozialdemokratische Partei ist als unzweifelhafter Sieger aus der Abstimmung hervorgegangen, während die bisher regierenden Rechtsparteien eine Niederlage erlitten, die das Berliner Tageblatt als einen regelrechten „Zusammenbruch“ bezeichnet.[2] Die Rechtsmehrheit im Schweriner Landtag ist damit gebrochen.[3]

Nach den vorliegenden Ergebnissen wird die sozialdemokratische Fraktion im neuen Landtag von 15 auf 20 Abgeordnete anwachsen.[1] Die Deutschnationalen fallen auf 12 Mandate zurück, die Völkische Bewegung auf 5.[1] Ferner entfallen auf die Deutsche Volkspartei 4, auf die Kommunisten 3, auf die Demokraten 2 und auf die neu gegründete Mieterpartei 1 Sitz.[1][4] Drei Mandate gehen an Vertreter von Mittelstandsparteien.[1] Bei einer Gesamtzahl von 50 Sitzen haben die Rechtsparteien ihre regierungsfähige Mehrheit verloren.[1]

Der Umschwung wird besonders in den Stimmenzahlen deutlich. Laut der Vossischen Zeitung beträgt der Gesamtverlust der Deutschnationalen und Völkischen beinahe 75.000 Stimmen. Dies ist bei einer Gesamtstimmenzahl von unter 300.000 von erheblichem Gewicht.[1][3] Die Sozialdemokraten konnten demgegenüber, wie die Tägliche Rundschau feststellt, als einzige Partei einen Zuwachs von über 24.000 Stimmen für sich verbuchen.[3]

Die politische Analyse in der Reichshauptstadt sieht in dem Ergebnis mehr als nur eine regionale Veränderung. Das Berliner Tageblatt hebt hervor, dass sich die Bauernschaft in Mecklenburg in wachsendem Maße von dem großagrarisch geführten Landbund abwendet. Dies sei eine der bemerkenswertesten Lehren aus diesem Wahlkampf.[4] Mecklenburg, das lange als eine „Hochburg der monarchistischen Reaktion“ galt, in der der Landbund uneingeschränkt herrschte, hat den Rechtsparteien eine schwere Schlappe bereitet.[2] Auch die Kommunistische Partei musste Verluste hinnehmen.[1]

Die Regierungsbildung in Schwerin gestaltet sich nun schwierig. Die Sozialdemokratie benötigt für eine Mehrheit mindestens sechs weitere Abgeordnete.[1] Eine Koalition des linken Lagers aus Sozialdemokraten, Demokraten und der Mieterpartei käme lediglich auf 23 Sitze und wäre auf die Tolerierung durch die Kommunisten angewiesen.[1] Aus unterrichteten Kreisen in Schwerin verlautet jedoch, dass die drei Abgeordneten der Wirtschaftspartei bereit sein sollen, gemeinsam mit den Demokraten und der Mieterpartei eine Regierung mit der Sozialdemokratie zu bilden.[3] Eine solche Konstellation würde über eine knappe, aber stabile Mehrheit von 26 Stimmen verfügen und entspräche dem Willen der Wähler, der sich klar gegen die bisherige Landbund-Regierung unter Ministerpräsident von Brandenstein gerichtet hat.[4]

Die Presse der Rechten reagiert mit Bestürzung. Die Deutsche Tageszeitung versucht den sozialdemokratischen Erfolg mit einer „systematischen Wahlbearbeitung des flachen Landes“ zu erklären. Nach Ansicht der Zeitung habe dies dazu geführt, dass die Partei zahlreiche Stimmen aus dem kommunistischen Lager gewinnen konnte.[1][3] Andere Blätter wie die Kreuzzeitung erkennen den Erfolg der Sozialdemokraten an, während das völkische Organ Deutsche Zeitung von einem „Scheinsieg“ spricht.[1][2]