Die Auseinandersetzungen um den Dozenten Professor Theodor Lessing an der Technischen Hochschule Hannover haben sich zu einem offenen Konflikt ausgewachsen.[1] Am Montag führte Professor Lessing seine Vorlesung unter erheblichem Polizeischutz durch, nachdem die Mehrheit der Studentenschaft einen achttägigen Streik beschlossen hatte.[2][1] Im Hochschulgebäude wurde jeder kontrolliert, der keinen Ausweis vorzeigen konnte; es war weitgehend verwaist.[3] Über die Zahl der Hörer gehen die Berichte auseinander; während einige Quellen von zahlreichen Teilnehmern sprechen, heißt es andernorts, lediglich Lessings Gattin und eine weitere Dame seien anwesend gewesen.[3][4] Der Vorgang selbst verlief ohne Störungen.[3] Oberpräsident Noske hatte zuvor erklärt, es seien alle Vorkehrungen getroffen, um bei neuen Ausschreitungen mit Schärfe durchzugreifen.[2][1]

Als Zeichen des Protestes gegen die Hochschulleitung und das Kultusministerium begaben sich am Montagnachmittag zahlreiche hannoversche Studenten mit einem Sonderzug nach Braunschweig, um mit den dortigen Kommilitonen über das weitere Vorgehen zu beraten.[4] Den Berichten zufolge nahmen zwischen 1200 und 1800 Studierende an dieser Fahrt teil.[3][5][2] In Braunschweig wurde ihnen von den studentischen Korporationen, deren Chargierte in vollem Wichs erschienen waren, ein feierlicher Empfang bereitet.[3][4] Unter Musikbegleitung zog der Zug durch die Stadt zu einem Versammlungslokal.[3]

In den abendlichen Beratungen beschlossen die Studenten, den Vorlesungen in Hannover zunächst bis Mittwochabend fernzubleiben.[4] Eine Delegation von 25 Studenten soll vorläufig in Braunschweig verbleiben, um die mögliche Übersiedlung vorzubereiten, falls ihren Forderungen nicht nachgegeben wird.[4][6] Für diesen Fall wurden bereits rund 300 Wohnungen in Aussicht gestellt.[4] Das Vorgehen der Studenten wurde durch ein Telegramm der „Deutschen Studentenschaft“ bestärkt, das zum Ausharren im Kampf gegen Professor Lessing aufrief.[4] Die Rückkehr der Hauptgruppe nach Hannover erfolgte noch am späten Abend.[4][2]

Die Unterstützung in Braunschweig ist jedoch keineswegs einhellig. Dem Vorwärts zufolge wendet sich eine starke Minderheit der dortigen Hochschullehrer gegen die Protestaktion.[2] So erklärte Professor Föppl aus Braunschweig, die Studenten maßten sich ein Recht an, das die akademische Lehrfreiheit angreife.[2] Auch das Kartell republikanischer Studenten in Leipzig protestierte scharf gegen das „skandalöse Vorgehen“ in Hannover und sprach der „Deutschen Studentenschaft“ das Recht ab, für die Gesamtheit der Studierenden zu sprechen.[3]

Unterdessen scheint die preußische Regierung ihre bisherige Zurückhaltung aufzugeben. Wie das Berliner Tageblatt meldet, wird der aus dem Urlaub zurückgekehrte Kultusminister Dr. Becker nach den jüngsten Ereignissen weitere Maßnahmen prüfen.[3] Dem Rektor der Hochschule Hannover, Professor Oesterlen, zufolge sind die bisher erfolgten zehn Relegationen erst der Anfang.[4] Es ist mit der Verweisung von bis zu 250 weiteren Studenten zu rechnen, die an den Demonstrationen beteiligt waren.[4] Oesterlen selbst befürwortet als Lösung die Schaffung eines neuen Ordinariats für Philosophie, wodurch der Lehrauftrag Lessings hinfällig würde.[4]