Der Freistaat Schaumburg-Lippe hat sich in einer Volksabstimmung gegen den Anschluss an das benachbarte Preußen entschieden. Trotz intensiver Verhandlungen und weitreichender Zusicherungen seitens der preußischen Regierung votierte die Bevölkerung des kleinen Landes mehrheitlich für den Erhalt ihrer staatlichen Selbstständigkeit. Der Gedanke, sich dem größeren Nachbarn anzuschließen, war in den vergangenen Jahren immer wieder aufgetreten, besonders seit der Abdankung des Fürsten im November 1918.[1] Seitdem hat die einstige Residenzstadt Bückeburg, durch den Wegfall des Hofes und der Garnison, spürbare wirtschaftliche Nachteile erfahren.[1]
Die preußische Regierung, insbesondere Minister Severing, zeigte sich den Anschlussbestrebungen gegenüber sehr aufgeschlossen. Sie führte die Verhandlungen persönlich in Bückeburg.[1] Preußen versprach, dass Schaumburg-Lippe als ungeteilter Kreis fortbestehen und seinen Besitzstand, einschließlich der höheren Schulen und des Landgerichts, bewahren dürfe.[1] Zudem wurde zugesichert, dass keine neuen Kreissteuern erhoben werden müssten.[1] Diese Angebote überzeugten die Bevölkerung jedoch nicht. Die Anziehungskraft Preußens, das selbst unter erheblichen finanziellen Schwierigkeiten leidet, erwies sich als zu schwach, um den konservativen Heimatstolz der Bevölkerung zu überwinden.[1]
Der Widerstand gegen die Vereinigung wurde maßgeblich vom „Ausschuss der Heimattreuen“ getragen. Dieser appellierte erfolgreich an das Traditionsbewusstsein der Schaumburger.[1] Die wirtschaftliche Lage war zwar von hohen Verwaltungsausgaben für den kleinen Staat geprägt, jedoch keineswegs so verzweifelt, dass ein Anschluss als unausweichlich erschien.[1] Nach der Abfindung des Fürstenhauses fielen dem Staat bedeutende Waldungen zu, was seine finanzielle Lage stabilisierte.[1] Die politischen Verhältnisse im Land waren zuletzt schwierig; nach den Landtagswahlen 1925 standen sich ein bürgerlicher Block und die Sozialdemokraten mit je sieben Sitzen unversöhnlich gegenüber.[1]
Ein entscheidender Faktor für den Ausgang der Abstimmung war jedoch vermutlich eine ungelöste Detailfrage: die künftige administrative Zugehörigkeit.[1] Während die Sozialdemokraten und Teile der Wirtschaft aus tariflichen Gründen einen Anschluss an die preußische Provinz Westfalen befürworteten, sprachen Stammesart, Kirchenverfassung und Justizwesen für eine Zuordnung zur Provinz Hannover.[1] Dieser innere Zwist trug, wie aus Berichten der Kölnischen Zeitung hervorgeht, maßgeblich dazu bei, dass viele Bürger die einfachste Lösung vorzogen, nämlich alles beim Alten zu belassen.[1]