Die politische und finanzielle Lage in der französischen Hauptstadt ist von erheblicher Nervosität gekennzeichnet. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen steht Finanzminister Raoul Péret, dessen Lage sich als zähes und bislang wenig erfolgreiches Ringen erweist.[1] Nachdem es in der vergangenen Woche gelungen war, den Kurs des englischen Pfundes von 176 auf 145 Francs zu drücken, stieg dieser nach dem parlamentarischen Erfolg Ministerpräsident Briands sogleich wieder auf 160.[1]
Vor diesem Hintergrund verbreiteten sich am Dienstag an der Börse wie in der Kammer hartnäckige Gerüchte über einen bevorstehenden Rücktritt Pérets.[2][3] Dem Figaro zufolge soll der Finanzminister am Sonntag in einer Kabinettssitzung mit der Mehrheit seiner Kollegen über die Rolle der Bank von Frankreich in eine ernste Auseinandersetzung geraten sein.[3] Der Unterstaatssekretär Danielou dementierte im Namen des noch in Genf weilenden Ministerpräsidenten die Demissionsabsichten offiziell. Dennoch verstummen die Spekulationen nicht.[2] Aus parlamentarischen Kreisen wird verlautet, die Gerüchte würden von der politischen Rechten gestreut, die auf die Bildung eines Kabinetts der nationalen Union drängt.[2] Der Figaro gibt zu bedenken, dass ein vierter Finanzminister im Kabinett Briand — nach Loucheur, Doumer und Péret — dem staatlichen Kredit im In- und Ausland nur weiteren Schaden zufügen würde.[3]
Unterdessen ist die neu gebildete Sparkommission zu ihrer ersten Sitzung zusammengetreten.[2] Wie der Vorwärts meldet, wurde in einer amtlichen Mitteilung betont, dass der Staat mit gutem Beispiel vorangehen müsse, bevor er der Bevölkerung Opfer abverlange.[4] Die ersten Beschlüsse beziehen sich daher auf Einschränkungen bei den Regierungsbehörden.[4][2] So sollen bis auf Weiteres keine neuen Beamtenstellen geschaffen werden.[2] Weiterhin wurden eine Beschränkung des Verbrauchs von Luxusnahrungsmitteln und eine Regulierung der Rohstoffimporte, insbesondere von Kohle und Öl, erörtert.[2] Ausdrücklich wird versichert, dass keine der geplanten Maßnahmen bestehende Handelsverträge verletzen werde, um Gegenmaßnahmen des Auslandes zu vermeiden.[4][2]
Gerüchte über die Einführung von Lebensmittelkarten oder die zwangsweise Schließung von Fleischer- und Bäckerläden an einem Tag der Woche wurden scharf zurückgewiesen.[2] Ein beteiligter Minister soll sich in diesem Zusammenhang mit den Worten „Wir sind keine Narren“ geäußert haben, wie die Deutsche Allgemeine Zeitung berichtet.[2]
Die eigentliche Ursache der Krise sehen sachkundige Kreise jedoch im ungelösten Währungsproblem. Die Stützungsaktionen der Bankengruppe Lazard zur Verteidigung des Franc haben sich als äußerst kostspielig erwiesen.[1] Nach Angaben des Hufvudstadsbladet schätzt man in unterrichteten Börsenkreisen die bisher aufgewendete Summe auf 30 bis 40 Millionen Dollar.[1] Die Bank von Frankreich soll energisch gegen die Fortsetzung dieser Interventionen protestiert haben; deren Wirkung könne nach Ansicht der Bank nur vorübergehend sein.[1] Zudem lehnt sie es kategorisch ab, ihre Goldreserven für die Stabilisierung des Franc anzugreifen, solange der Staatshaushalt nicht ausgeglichen und die Gefahr der Notenpresse nicht gebannt ist.[1] Dennoch scheint die Regierung, um einen neuen amerikanischen Kredit zu erhalten, die Bank zwingen zu wollen, einen Teil ihrer Goldreserven als Sicherheit zu stellen.[1]
Derweil wird aus Brüssel gemeldet, dass der frühere belgische Premierminister Theunis demnächst nach Paris reisen werde. Dort soll er mit Péret über gemeinsame Maßnahmen zur Verteidigung des französischen und des belgischen Franc beraten.[5] Eine Meldung über bereits beschlossene gemeinsame Aktionen wurde zuvor offiziell dementiert.[2] Die Auslandspresse verfolgt die Entwicklungen mit Sorge. Der Londoner Daily Chronicle schreibt, laut einer Wiedergabe im Temps, dass die Sparmaßnahmen lediglich eine Ablenkung seien.[5] Die wahre Ursache für den Fall des Franc liege allein in der Inflation, die anhalten werde, solange der französische Staat seine Ausgaben nicht den Einnahmen anpasse.[5]