Zwischen Estland und der Sowjetunion ist es zu einem diplomatischen Zwischenfall gekommen, der in den politischen Kreisen Revals für erhebliches Aufsehen sorgt.[1] Die finnische Presse berichtet, dass der sowjetische Gesandte in Reval, Petrowski, dem estnischen Außenminister überraschend mitgeteilt hat, seine Regierung halte eine offizielle Zusammenarbeit mit dem neuernannten estnischen Gesandtschaftsrat in Moskau, Herrn Schmidt, für unmöglich.[1]

Die Moskauer Regierung verlangt die unverzügliche Abberufung des Diplomaten.[1] Diese Forderung erscheint umso befremdlicher, als das sowjetische Außenkommissariat der Ernennung Schmidts zuvor ausdrücklich zugestimmt hatte.[1] Als Grund für diesen plötzlichen Gesinnungswandel wurde angegeben, die Sowjetunion könne in einer auswärtigen Vertretung keine Person in höherer Stellung dulden, die in der Weißen Armee gedient habe.[1] Herr Schmidt gehörte tatsächlich in den Jahren 1918 bis 1919 den Truppen des Generals Miller in Nordrussland an.[1]

Da die Sowjetregierung auf ihrer Forderung beharrte, sah sich der estnische Außenminister genötigt, seiner Regierung vorzuschlagen, Herrn Schmidt aus Moskau zurückzuberufen.[1] In Reval wird jedoch vermutet, dass die offizielle Begründung lediglich als Vorwand dient.[1] Aus Kreisen, die der Sowjetgesandtschaft nahestehen, wird verlautet, der eigentliche Grund für die Ausweisung sei die Einschätzung, Schmidt sei als Diplomat zu aktiv und handle nicht im Sinne der sowjetischen Interessen.[1]

In diesem Zusammenhang wird darauf hingewiesen, dass die estnische Regierung nach dem kommunistischen Putschversuch vom Dezember 1924 die Abberufung eines sowjetischen Legationssekretärs verlangte, dessen Verwicklung in die Unruhen nachgewiesen worden war.[1] Damals wurde der estnischen Forderung jedoch auf Bitten des Sowjetgesandten, der für die Zukunft loyales Verhalten zusicherte, nicht stattgegeben.[1]