Die Krise um die Erweiterung des Völkerbundrates hat nun zu dem Ergebnis geführt, das in den diplomatischen Kreisen seit Wochen befürchtet wurde: Brasilien hat seinen Austritt aus dem Völkerbund erklärt.[1] Ein entsprechendes Telegramm des brasilianischen Außenministers Felix Pacheco aus Rio de Janeiro traf am Montag beim Generalsekretär des Völkerbundes, Sir Eric Drummond, ein und löste in Genf erhebliche Bestürzung aus.[2] Der Schritt ist die unmittelbare Konsequenz aus der Weigerung der Großmächte, Brasilien gleichzeitig mit Deutschland einen ständigen Sitz im Völkerbundrat zu gewähren.[1]
Die Regierung in Rio de Janeiro hatte bereits zuvor ihren nichtständigen Sitz im Rat niedergelegt. Jedoch ließ sie die endgültige Entscheidung über die Mitgliedschaft in der Organisation zunächst offen.[2] In Genf hatte man gehofft, die Regierung Bernardes würde den Abschluss der Beratungen über die Reorganisation des Rates abwarten. So sollte Raum für diplomatische Verhandlungen geschaffen werden.[1] Die nun erfolgte Einladung zur Völkerbundversammlung im September, an der Brasilien nach eigener Auffassung nicht mehr teilnehmen könne, beendete diese Hoffnungen.[2] In dem amtlichen Telegramm, das auf Sonnabend, den 12. Juni, datiert ist, heißt es, dieser Umstand zwinge Brasilien, „seinen Entschluss zu formulieren, wonach es sich aus dem Völkerbunde zurückzieht“.[2] Diese Mitteilung sei als die offizielle, im Artikel 1 des Völkerbundpaktes vorgesehene Benachrichtigung zu betrachten.[2]
Gemäß der Satzung bleibt Brasilien trotz der Austrittserklärung für die Dauer von zwei Jahren weiterhin Mitglied des Bundes.[1] Dennoch ist der politische Schaden für die Genfer Institution beträchtlich. Nach Angaben des Evening Star aus Washington wächst nun die Furcht, dass Spanien, das sich in einer ähnlichen Lage befindet, dem brasilianischen Beispiel folgen könnte.[1] Die spanische Regierung hatte wiederholt erklärt, dass sie eine Einstufung als Macht zweiten Ranges, wie sie in der Nichtgewährung eines ständigen Sitzes zum Ausdruck kommt, nicht hinnehmen werde.[1] Ein Austritt Spaniens würde die Zahl der Mitgliedstaaten auf 52 reduzieren.[1]
Die diplomatischen Bemühungen, einen Kompromiss zu finden, sind damit vorerst gescheitert. Der Plan der Großmächte sah vor, Brasilien und Spanien durch die Zusicherung einer regelmäßigen Wiederwahl als nichtständige Ratsmitglieder zu beschwichtigen. Dies hätte beiden de facto eine permanente Mitgliedschaft verschafft.[1] Doch diese Lösung fand in Rio de Janeiro kein Gehör. In Genfer Kreisen wird der Austritt als schwerer Schlag gewertet. Dort vertritt man jedoch weiterhin die Auffassung, dass die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbundrat für die internationale Zusammenarbeit bedeutsamer sei als jene Brasiliens.[1] Deutschland selbst hatte seinen Beitritt stets davon abhängig gemacht, dass nicht gleichzeitig anderen Staaten neue ständige Sitze zugesprochen werden.[1]
Gerüchte über die mögliche Gründung eines rein amerikanischen Völkerbundes unter Einschluss der Vereinigten Staaten werden von gut unterrichteten Beobachtern als wenig wahrscheinlich angesehen.[1] Die Bedeutung Lateinamerikas im Völkerbund soll vielmehr durch die Einrichtung eines dritten nichtständigen Ratssitzes für die Region gestärkt werden.[1] Bemerkenswert ist, dass die brasilianischen Militärsachverständigen, die Hauptleute Carvallo und Gama, trotz der politischen Krise an den Abrüstungsberatungen in Genf weiter teilnahmen.[1] Berichte aus Berlin bestätigen den Eingang der Nachricht, die auch von der sowjetrussischen Presse zur Kenntnis genommen wurde, wie eine Mitteilung der Pravda zeigt.[2][3]