Ein heftiger politischer Sturm erschüttert die österreichische Regierungskoalition, deren Ursache in der jüngst vereinbarten Schulreform liegt. Die Auseinandersetzungen um neue Lehrpläne haben sich zu einer ernsten Krise innerhalb der Christlichsozialen Partei entwickelt. Dadurch ist nun die Stellung von Unterrichtsminister Dr. Schneider bedroht.[1] Für den kommenden Mittwoch wurde die gesamte Parteileitung einberufen. Sie soll über die Richtlinien im Kampf gegen die als Niederlage empfundene Reform beraten.[2] Im Mittelpunkt steht die Frage, ob der Minister, dem ein zu weitgehendes Entgegenkommen an die Sozialdemokraten vorgeworfen wird, im Amt zu halten ist.[2]

Der Unmut entzündet sich an einem Kompromiss zwischen dem Unterrichtsministerium und dem Wiener Stadtschulrat unter dessen sozialdemokratischem Präsidenten Glöckel.[1] Besonders der klerikale Flügel der Christlichsozialen betrachtet die Vereinbarungen über den Volksschullehrplan als schwere Niederlage für die Unterrichtsverwaltung.[1] Dem Minister wird vorgeworfen, die Abmachungen nicht der Partei zur Genehmigung vorgelegt und die ursprünglichen Positionen in der Mittelschul- und Lehrplanfrage zu rasch aufgegeben zu haben.[1]

Aus Kreisen des Unterrichtsministeriums wird demgegenüber verlautbart, ein Kompromiss sei unumgänglich gewesen.[1] Präsident Glöckel habe einer weiteren Verlängerung des provisorischen Lehrplans widersprochen. Daher sei in Konferenzen unter Beteiligung der politischen Parteien eine Einigung gesucht worden.[1] Das Ministerium gibt an, es sei gelungen, namhafte Vorteile für die bürgerliche Auffassung zu erzielen, ohne die eigene Stellung preiszugeben.[1]

Die Verwerfungen beschränken sich jedoch nicht auf eine Partei. Auch die Großdeutsche Volkspartei als Koalitionspartner zeigt sich verstimmt.[1] Sie beanstandet weniger den Inhalt der Reform als vielmehr die Tatsache, dass die Vereinbarungen ohne ihre Befragung getroffen wurden. Dies widerspreche den Grundsätzen der Koalition.[1] Bundeskanzler Ramek ist unterdessen bereits vorzeitig nach Wien zurückgekehrt, um sich der Sache anzunehmen.[1]

Unterrichtsminister Dr. Schneider, der sich zurzeit in Köln aufhält, wird seinen Aufenthalt abkürzen und am Mittwoch zur entscheidenden Sitzung der Parteileitung in Wien eintreffen.[1] Die kommenden Tage werden zeigen, welche Konsequenzen die tiefe Zerrissenheit innerhalb der stärksten Regierungspartei für die Stabilität des Kabinetts hat.[1]