Moskau. (Eigener Drahtbericht.) Die Sowjetregierung hat dem britischen Geschäftsträger in Moskau ihre Antwort auf das Memorandum der Regierung Baldwin überreichen lassen, das sich gegen die finanziellen Zuwendungen aus Russland für die streikenden englischen Bergarbeiter richtete. In der Note wird der Vorwurf einer direkten staatlichen Einmischung entschieden zurückgewiesen.[1][2]

Der Kern der sowjetischen Argumentation besteht in der Feststellung, dass in Russland kein allgemeines Devisenausfuhrverbot existiere, sondern lediglich eine Regelung, die für jeden einzelnen Fall eine Genehmigung erfordere.[1][2] Die Sowjetregierung lenkte die Aufmerksamkeit Londons auf die, wie es heißt, den Tatsachen widersprechenden Erklärungen einiger britischer Regierungsmitglieder. Die dem Generalrat der britischen Gewerkschaften überwiesenen Summen stammten nicht von der Sowjetregierung, sondern seien ausschließlich durch den Zentralrat der Gewerkschaften der Sowjetunion aufgebracht und versendet worden.[1][2][3]

Diese Darstellung steht jedoch im Widerspruch zur Auffassung, die in London vorherrscht. Dem Pariser Le Temps zufolge hatte Außenminister Sir Austen Chamberlain bereits vor dem 5. Juni den britischen Geschäftsträger Hodgson angewiesen, in Moskau zu protestieren.[4] Der Protest richtete sich ausdrücklich gegen die Erteilung einer Sondergenehmigung durch das sowjetische Finanzkommissariat für den Transfer der Gelder. In Londoner Regierungskreisen betrachtet man diese materiellen und moralischen Ermutigungen für den Streik als eine Verletzung des anglo-russischen Handelsabkommens von 1921, das jegliche feindselige Propaganda gegenseitig untersagt.[4]

Die Prawda, das Zentralorgan der Kommunistischen Partei, bezeichnete die britischen Vorwürfe als Teil einer reaktionären Kampagne gegen die UdSSR.[3] Aus London wird unterdessen gemeldet, dass eine ministerielle Kommission untersucht, ob es sich bei den Geldern um freiwillige Beiträge russischer Arbeiter handelt oder ob diese Beiträge durch von den Sowjets veranlasste Abzüge vom Lohn der Arbeiter zustande kamen. Die Untersuchung soll zudem klären, ob das Vorgehen Moskaus aus rechtlicher Sicht einen Bruch des Handelsvertrags darstellt.[4]