Die Konferenz der Außenminister der Kleinen Entente, die in den vergangenen zwei Tagen in Bled stattfand, ist gestern zu ihrem Abschluss gekommen.[1] Ein amtliches Kommuniqué betont die vollständige Übereinstimmung der drei Staaten in allen besprochenen Fragen und hebt die Nützlichkeit des ständigen Kontaktes hervor, der seit fünf Jahren „im Geiste intimen Vertrauens“ gepflegt wird.[2] Gleichwohl deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die Harmonie nicht alle Verhandlungspunkte umfasste.

Ein zentraler Gegenstand der Beratungen war die Lage in Mitteleuropa und auf dem Balkan.[2] Wie aus informierten Kreisen verlautet, zeigten sich die Konferenzteilnehmer zwar mit der Finanzkontrolle des Völkerbundes über Ungarn zufrieden. Sie forderten jedoch zusätzlich die Einsetzung der im Friedensvertrag vorgesehenen militärischen Völkerbundkontrolle.[1] Die Lage in Ungarn, insbesondere in Bezug auf geheime Gesellschaften, bleibt für die Nachbarstaaten beunruhigend.[3][1] Auch hinsichtlich Bulgariens wurde festgestellt, dass dort eine den Frieden bedrohende Stimmung herrsche.[1] Daher verlangt die Kleine Entente eine Kontrolle über die Verwendung der bulgarischen Flüchtlingsanleihe.[3]

Im Hinblick auf den Völkerbund begrüßte die Konferenz den bevorstehenden Eintritt Deutschlands, erhob aber gleichzeitig eigene Ansprüche.[3] Die Kleine Entente fordert für sich einen nichtständigen Sitz im Völkerbundrat, der im Einvernehmen der Mitglieder abwechselnd von einem der drei Staaten besetzt werden soll.[1] Über die Reihenfolge dieser Rotation konnte jedoch keine Einigkeit erzielt werden. Rumänien beansprucht den Sitz für die ersten drei Jahre, während Jugoslawien und die Tschechoslowakei eine jährliche Weitergabe bevorzugen.[3] Eine endgültige Entscheidung wurde auf die nächste Konferenz vertagt, die im September in Genf stattfinden soll.[3][1]

Besondere Aufmerksamkeit galt den Beziehungen zu Italien. Der jugoslawische Außenminister Dr. Ninčić hob hervor, dass sich das Verhältnis seit dem Abschluss eines Handelsvertrages verbessert habe.[3][1] Auch sein rumänischer Amtskollege Mitilineu berichtete von Bestrebungen, eine engere Anlehnung an Rom zu suchen. Diese Bemühungen sollen in einem Freundschaftsvertrag münden.[3] Dieser Vertrag, so die Hoffnung in Bukarest, möge eine italienische Garantie der rumänischen Grenzen beinhalten; dies käme einer Anerkennung der Zugehörigkeit Bessarabiens gleich.[3]

Hingegen blieb die Haltung gegenüber Sowjetrussland, die durch den deutsch-russischen Vertrag neue Bedeutung erhalten hatte, uneinheitlich. Nach Berichten kam es in dieser Frage zu keiner gemeinsamen Beschlussfassung.[3] Die sowjetische Presse deutet die Vorgänge in Bled als Zeichen einer zunehmenden Rivalität zwischen Jugoslawien und Rumänien innerhalb des Bündnisses.[4]