Die Reparationskommission hat am Sonnabend unter dem Vorsitz von M. Barthou den Bericht über die Ausführung des Dawes-Plans entgegengenommen.[1] Der Generalagent für die Reparationszahlungen, der Amerikaner S. Parker Gilbert, sowie der Kommissar für die deutschen Reichsbahnen, Herr Levervè, erstatteten Meldung über die ersten neun Monate des zweiten Anwendungsjahres. Dieses begann am 1. September 1925.[1] Dem Pariser Le Temps zufolge legten die Berichterstatter dar, dass die Durchführung des Plans in höchst befriedigender Weise verlaufe.[1] Deutschland habe die ihm obliegenden Zahlungen regelmäßig geleistet — insgesamt eine Milliarde Goldmark im ersten Jahr und 821,5 Millionen in den bisherigen neun Monaten des laufenden zweiten Jahres.[1] Seit Inkrafttreten des Abkommens im September 1924, so wurde betont, hätten die alliierten Regierungen und die deutschen Stellen loyal zusammengearbeitet.[1]
Im Gegensatz zu diesem offiziellen Optimismus mehren sich jedoch in der ausländischen Presse Berichte über eine bevorstehende Revision des gesamten Plans.[2] Die Moskauer Prawda verweist auf angebliche Verhandlungen hinter den Kulissen in London, die eine solche Neuregelung vorbereiten sollen.[2] Nach Angaben der sowjetischen Zeitung, die sich auf das deutsche Blatt Industrie und Handelszeitung beruft, hätten bereits vertrauliche Gespräche stattgefunden.[2] An diesen Gesprächen seien der Präsident der amerikanischen Federal Reserve Bank, Strong, der amerikanische Vize-Finanzminister Winston, der Präsident der Bank von England, Norman, und Reichsbankpräsident Dr. Schacht beteiligt gewesen.[2] Es heißt, diese einflussreiche Gruppe von Finanzleuten werde Mitte Juli in Berlin zusammentreffen, um einen Entwurf zur Abänderung des Dawes-Plans auszuarbeiten.[2]
Die Prawda führt zur Begründung dieser Entwicklung den grundlegenden Widerspruch des Plans an: Deutschland müsse seinen Export steigern, um zahlen zu können, doch die Gläubigerstaaten errichteten ihrerseits hohe Zollmauern gegen deutsche Waren.[2] Diese Problematik der Übertragung der gezahlten Summen — das sogenannte Transferproblem — sei die Achillesferse des gesamten Systems.[2] Auch im Deutschen Reich selbst ist das Thema Gegenstand der politischen Debatte. Eine Notiz im Westfälischen Merkur weist darauf hin, dass der Reichstagsabgeordnete Dr. Schreiber demnächst einen Vortrag über „Reichsfinanzen und Reparationen“ halten wird.[3]