Der Konflikt um Professor Lessing an der Technischen Hochschule Hannover hat eine neue, bedrohliche Wendung genommen.[1] In einer offiziellen Entschließung hat der Vorstand der Studentenschaft die vom preußischen Kultusminister vorgesehene Lösung des Streites als nicht endgültig zurückgewiesen.[1][2] Diese Haltung hat die Missstimmung in weiten Teilen der hannoverschen Bevölkerung zur offenen Empörung anwachsen lassen.[1]
Die Erklärung der Studentenschaft würdigt zwar den Vermittlungsversuch von sechs Hochschullehrern, stellt jedoch fest, dass die vorgesehenen Maßnahmen dem ‚ehrbewussten Gefühl der deutschen Hochschulen‘ nicht gerecht würden.[2] Man nimmt mit Genugtuung zur Kenntnis, dass Professor Lessing anstelle seines bisherigen Lehrauftrages ein dauernder Forschungsauftrag erteilt werden soll.[2] Dies wertet man als Bestätigung dafür, dass auch das Ministerium seine Eignung als Hochschullehrer verneint.[2] Dennoch wird eine bloße Einstellung der Vorlesungstätigkeit nicht für ausreichend gehalten, insbesondere im Hinblick auf erneute Verfehlungen des Professors.[2]
Wie aus dem Berliner Tageblatt hervorgeht, wird die neue Obstruktion selbst von bisher neutral eingestellten Persönlichkeiten als unerhört angesehen.[1] Allgemein wird angenommen, dass die Studentenrevolte nur noch durch eine Schließung der Hochschule beendet werden kann, sofern sie nicht zu einem Kulturskandal ersten Ranges ausarten soll.[1] Es zeigt sich nun deutlich, dass der Kampf der rebellischen Studenten nicht allein der Person des ihnen missliebigen Professors gilt, sondern dem demokratischen Prinzip der Lehrfreiheit an sich.[1]
Besonders scharfer Kritik sehen sich die beiden studentischen Unterhändler Pöhlmann und Hilgenstock ausgesetzt, die in Berlin verhandelt hatten.[1] Ihnen wird vorgeworfen, die dort erzielten Abmachungen gegenüber ihren Kommilitonen nicht als bindend dargestellt zu haben.[1] Stattdessen sei bei den Studenten der Eindruck entstanden, sie könnten tun und lassen, was sie wollten.[1] Professor Lessing selbst lässt sich durch das Verhalten der nationalistischen Studenten nicht beeinflussen und kündigte an, seine Vorlesungen am Montag wie geplant abzuhalten.[1]
Am heutigen Nachmittag spitzte sich die Lage weiter zu.[1] Die Studentenschaft verlagerte ihre Vollversammlung kurzfristig in ein Parkhaus unweit der Technischen Hochschule.[1] Diese Versammlung beginnt eine Stunde vor der Vorlesung Professor Lessings, und der Weg der Studenten führt an der Hochschule vorüber. Daher werden neue Zwischenfälle und ein ‚zufälliges‘ Zusammentreffen ernsthaft befürchtet.[1]