Der Tag des Volksentscheids ist in der Provinz Sachsen von blutigen Auseinandersetzungen überschattet worden. In den nahe Halle gelegenen Ortschaften Ammendorf und Osendorf kam es am Sonntagnachmittag zu schweren Krawallen, als sieben Propaganda-Automobile des Stahlhelms von einer Agitationsfahrt zurückkehrten.[1] Die Fahrzeuge wurden in einer engen Straße in Osendorf von einem kommunistischen Agitationstrupp mit Steinwürfen empfangen.[2] Daraufhin entwickelte sich ein regelrechter Straßenkampf.
Dem Vernehmen nach griffen mehrere hundert Personen — darunter Männer, Frauen und Kinder — die Wagenkolonne an. Sie verschanzen sich in Fenstern, Türen und hinter Gartenmauern.[3][2] Schließlich fielen aus einem Gebüsch Schüsse, die nach eigener Darstellung von den Stahlhelmleuten in Notwehr erwidert wurden.[3][2] Die herbeigerufene Schutzpolizei erschien nach Angaben der Presse nur in einer Stärke von acht Mann. Sie war zunächst nicht in der Lage, die Angreifer zurückzudrängen und die Ordnung wiederherzustellen.[3][2]
Die Auseinandersetzung forderte eine erhebliche Zahl von Verletzten. Auf Seiten des Stahlhelms wurden nach ersten Meldungen 18 Mann verwundet, sechs davon durch Schüsse.[1] Andere Berichte sprechen von sechzehn Verletzten, von denen zwölf schwere Wunden erlitten haben sollen.[3] Die Zahl der verletzten Angreifer konnte bislang nicht festgestellt werden.[3] Die Polizei geleitete die beschädigten Automobile zur Schupokaserne in Ammendorf.[3] Bei der dortigen Durchsuchung der Insassen und der Wagen wurden zwei Revolver sowie drei leere Patronenhülsen aufgefunden.[3] Demgegenüber steht die Meldung des Harburger Tageblatts, wonach die Fahrzeuge des Stahlhelms vor ihrer Abfahrt von der Schutzpolizei auf Waffen untersucht worden waren.[2] Gerüchte über den Einsatz von Maschinengewehren durch die Kommunisten bestätigten sich nicht.[3]
Auch in anderen Teilen des Reiches kam es am Abstimmungssonntag zu Zusammenstößen. Das Berliner Tageblatt meldet ernste Reibereien zwischen Reichsbannerleuten und Stahlhelmern in Görlitz, die zu mehreren Verletzten und Festnahmen führten.[1] In Leipzig überfiel eine Gruppe des Roten Frontkämpferbundes eine Kantine des Wehrverbandes „Werwolf“, verletzte zwei Anwesende schwer und zerstörte das Inventar.[1] Aus Duisburg und Bonn werden ebenfalls blutige Vorfälle gemeldet, bei denen ein Republikaner durch einen Bauchschuss, abgegeben von einem Angehörigen des Stahlhelms, tödlich verletzt worden sein soll.[1]