Ein Sonderausschuss des amerikanischen Senats, der zur Untersuchung von Wahlkampfausgaben eingesetzt wurde, hat seine Tätigkeit nun auf die Finanzgebarung der mächtigen Anti-Saloon League ausgedehnt.[1] Die Enthüllungen über die gewaltigen Summen, die zur Aufrechterhaltung der Prohibition aufgewendet werden, sorgen in politischen Kreisen Washingtons für erhebliche Aufmerksamkeit.[1]
Vor dem von Senator Reed geleiteten Ausschuss legte der Hauptsyndikus der Liga, Wayne B. Wheeler, die Bücher der Organisation offen.[1] Aus den vom Hauptquartier in Westerville, Ohio, vorgelegten Daten geht hervor, dass allein die nationale Zentrale in den Jahren 1920 bis einschließlich 1925 Einnahmen und Ausgaben von rund 5,5 Millionen Dollar zu verzeichnen hatte.[1] Auf Nachfrage von Senator Reed räumte Wheeler zudem ein, dass bis November des Vorjahres schätzungsweise 35 Millionen Dollar in die Prohibitionsbewegung investiert worden seien.[1]
Diese bereits stattlichen Beträge zeigen jedoch nur einen Teil der Wirklichkeit, wie im Verlauf der Anhörung deutlich wurde.[1] Die von Wheeler genannten Zahlen schließen weder die Gelder ein, welche die Liga unmittelbar in politische Wahlkämpfe lenkte, noch die signifikanten Ausgaben der 48 Organisationen in den einzelnen Bundesstaaten.[1] Laut der *Washington Post* belaufen sich die jährlichen Ausgaben dieser einzelstaatlichen Verbände auf jeweils 100.000 bis 187.000 Dollar; dadurch erhöht sich die Gesamtsumme erheblich.[1]
Die Untersuchung soll sich jedoch nicht ausschließlich gegen die Befürworter der Prohibition richten. Wheeler erklärte, er sei bereit, dem Ausschuss auch sämtliche ihm zugänglichen Informationen über die Finanzierung der Gegner der Prohibition, der sogenannten ‚Nassen‘, vorzulegen.[1] Der Ausschuss hat angekündigt, eine entsprechende Untersuchung der finanziellen Verhältnisse sämtlicher Organisationen vorzunehmen, die auf Wahlen Einfluss nehmen könnten.[1] Die Prohibitionisten begründen das Ausmaß ihres finanziellen Engagements mit dem großen Umfang des illegalen Alkoholhandels. Dem Pariser *Temps* zufolge schätzt General Lincoln C. Andrews, der Leiter der Prohibitionsbehörde, die Zahl der illegalen Brennereien auf über 1,7 Millionen. Den durch den Schmuggel erzielten Jahresumsatz beziffert er auf 3,6 Milliarden Dollar.[2]