Die Vorgänge im seit 1919 italienischen Südtirol geben erneut Anlass zu ernster Besorgnis. In Bozen werden seit nunmehr acht Monaten über zwanzig junge Deutsche in Untersuchungshaft gehalten. Nach Abschluss der Ermittlungen soll ihnen der Prozess wegen Hochverrats gemacht werden.[1] Die Anklage lautet auf Bildung bewaffneter Banden zum Zwecke der Abtrennung eines Teiles des italienischen Königreiches.[2] Den Angeklagten drohen Zuchthausstrafen von 15 bis 20 Jahren.[2]
Aus Protest gegen dieses Vorgehen fand am gestrigen Abend in Wien eine vom Andreas-Hofer-Verein einberufene Massenversammlung statt.[2] Ursprünglich waren bei einer Namenstagsfeier rund 30 Personen festgenommen worden. Von diesen mussten jedoch einige — vier Südtiroler, ein Reichsdeutscher und ein Österreicher — mangels jedes strafbaren Tatbestandes wieder freigelassen werden.[2] Das *Harburger Tageblatt* berichtet demgegenüber von 31 Verhafteten, von denen acht entlassen worden seien, während 23 der Prozess bevorstehe.[1]
Auf der Protestkundgebung verlas der Vorsitzende, Pater Jünnerkofler, eine Zuschrift des Bundeskanzleramtes.[2] Darin wird versichert, dass die österreichische Gesandtschaft in Rom sowie das Konsulat in Mailand wiederholt und mit allem Nachdruck bei den italienischen Stellen interveniert hätten, um eine Beschleunigung des Verfahrens zu erwirken.[2] Auch die deutsche Botschaft in Rom sei in gleicher Weise an die italienische Regierung herangetreten.[2] Weitergehende Schritte seien jedoch unmöglich, da es sich um ein schwebendes Gerichtsverfahren handle, in das auf diplomatischem Wege nicht eingegriffen werden könne.[2]
Nach Angaben der *Neuen Freien Presse* beruhten die Verhaftungen auf der Denunziation eines Tschechoslowaken namens Michalek, der den Faschisten gemeldet hatte, es handle sich um die Gründung einer Ortsgruppe des Bundes „Oberland“.[2] Daraufhin drangen Faschisten in das Gasthaus ein, in dem sich die jungen Leute bei Gesang und Bier vergnügten, und führten sie in Ketten ab.[2] Behauptungen, die Verhafteten hätten aus Berlin Millionen Mark für irredentistische Zwecke erhalten oder Waffen verborgen, erwiesen sich als vollkommen haltlos.[2] Die Versammlung in Wien schloss mit einer Entschließung. Diese appelliert an das Gewissen der gesamten Kulturwelt und erwartet von der österreichischen Regierung, dass sie auch weiterhin nichts zum Schutze der Verhafteten unterlassen werde.[2]