Die Hochwasserkatastrophe, die seit Tagen weite Teile des deutschen Ostens heimsucht, hat sich in den letzten Stunden dramatisch zugespitzt. Nach verheerenden Dammbrüchen an der Oder gleicht die Landschaft dort einer riesigen Seenplatte. Auch an der unteren Elbe steigen die Fluten unaufhaltsam. Nach einer Meldung der amerikanischen Zeitung Washington Post beläuft sich die bisherige Schreckensbilanz für ganz Deutschland auf fünfzehn Todesopfer und einen geschätzten Schaden an Ernte und Eigentum von 30 Millionen Mark.[1] Über 100.000 Morgen Kulturland stehen unter Wasser.[1] Die Reichsregierung hat mittlerweile 20.000 Mann der Reichswehr — ein Fünftel des gesamten Heeres — in den Hilfsdienst beordert, um der Lage Herr zu werden.[1]

Das Zentrum der Katastrophe liegt derzeit im Odergebiet bei Schwedt. Dort hat die zweite Hochwasserwelle zwischen den Ortschaften Radin und Niedersaaten den Oderdeich auf einer Länge von 250 Metern durchbrochen.[2] Der Ansturm der Wassermassen füllte den zwischen den Deichen liegenden Polder binnen weniger Stunden. Anschließend riss das Wasser auch den Querdamm auf 200 Metern Breite mit sich.[2] Infolge dieses doppelten Dammbruchs wurden nach übereinstimmenden Berichten des Vorwärts und der Deutschen Allgemeinen Zeitung rund 22 Quadratkilometer Wiesen und Äcker überflutet.[3][4] Die gesamte Feldfrucht und die Heuernte in den betroffenen Gebieten sind vernichtet. Dies führt bei den Landwirten bereits zu Futtermangel.[3][2]

Die größte Sorge gilt nun dem Großschifffahrtsweg Berlin—Stettin. Wie das Berliner Tageblatt meldet, steht das Hochwasser der Oder etwa einen Meter über dem Wasserspiegel des Kanals und ist nur durch einen schmalen Deich von diesem getrennt.[2] An mehreren Stellen hat dieser Schutzdamm bereits nachgegeben. Ein Bruch hätte unabsehbare Folgen. Es wird befürchtet, dass der Kanal versanden und für lange Zeit unbrauchbar werden könnte.[2] Hunderte Helfer von Reichswehr, Technischer Nothilfe und Freiwilliger Feuerwehr sind ununterbrochen im Einsatz, um die brüchigen Stellen mit Sandsäcken und großen Planen zu sichern.[3][2][4] Die Rettungsmannschaften arbeiten unter schwierigen Bedingungen, zum Teil bis zur Brust im Wasser.[3]

Der Höchststand der jetzigen Welle wird für den morgigen Sonntag erwartet.[3][4] Eine Entspannung ist nicht in Sicht, da für den 1. Juli bereits die dritte Flutwelle erwartet wird, die am 21. Juni von Ratibor aus ihren Weg angetreten hat.[3][4] Die Behörden rechnen damit, dass in den ersten Julitagen die Pegelstände erneut die kritische Marke erreichen.[4]

Auch von der Elbe treffen weiterhin ernste Meldungen ein. Laut der Badischen Presse ist dort ebenfalls ein großer Teil der Heuernte verloren.[5] In der Gegend um Dannenberg stehen Felder und Wiesen vollständig unter Wasser. Bei Teltau droht ein Deich zu brechen.[5] Ein Korrespondent des Berliner Tageblatts, der das Gebiet bereiste, schildert den Elbstrom als eine weite Seenplatte, aus der ganze Wälder nur noch mit den Baumkronen herausragen.[2] In Schnackenburg sind 300 Mann ununterbrochen mit Sicherungsarbeiten beschäftigt.[5] Sollte das Wasser dort um weitere 20 Zentimeter steigen, würde die Deichkrone überflutet.[5] Berichten zufolge verlassen die Bewohner der noch geschützten Dörfer ihre Heimat in großer Eile.[5] Der Schiffsverkehr ist eingestellt worden.[5] Der Gesamtschaden allein für die Prignitz und die Altmark wird auf nahezu 70 Millionen Mark geschätzt.[5]