Seit mehr als einem halben Jahr lastet die Massenerwerbslosigkeit wie ein drückendes Gewicht auf der deutschen Volkswirtschaft.[1] Über zwei Millionen arbeitsfähige und arbeitswillige Bürger stehen ohne Beschäftigung da. Diese Zahl droht, zu einer dauerhaften Erscheinung zu werden.[1] Die öffentliche Hand wird durch diesen Zustand aufs Schwerste belastet. Wie aus einer Analyse im Berliner Tageblatt hervorgeht, belaufen sich die jährlichen Kosten für die Unterstützung der Erwerbslosen auf rund 1,3 Milliarden Reichsmark — eine Summe, deren Aufbringung Länder und Gemeinden an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit bringt.[1]
Noch gravierender jedoch ist der volkswirtschaftliche Verlust, der durch die ungenutzte Arbeitskraft entsteht. Nach Berechnungen würden zwei Millionen Beschäftigte jährlich neue Werte in Höhe von mindestens vier bis viereinhalb Milliarden Reichsmark schaffen.[1] Der Gesamtausfall für das Volkseinkommen wird auf mindestens fünf Milliarden geschätzt. Das entspricht dem Doppelten der jährlichen Reparationszahlungen.[1] Demnach geht dem Land beinahe ein Zwölftel seines gesamten Einkommens verloren; dies stört die notwendige Kapitalbildung für den wirtschaftlichen Wiederaufbau empfindlich.[1]
Die Lage in der Reichshauptstadt spitzt sich unterdessen weiter zu. Das Hamburger Echo meldet, dass die Zahl der Arbeitssuchenden in Berlin auf über 266.000 angestiegen ist.[2] In der vergangenen Woche hat sich die Zahl um rund 6.000 erhöht. Im Verlauf der letzten vier Wochen war sogar ein Zuwachs von etwa 20.000 Personen zu verzeichnen.[2]
In der Presse werden schwere Vorwürfe gegen die Wirtschaftspolitik der Reichsregierung erhoben. So wird die Absicht kritisiert, durch eine unsinnige Zollpolitik die Lebensmittelpreise weiter zu verteuern, während das Arbeitslosenproblem immer bedrohlicher werde.[2] Eine Erhöhung der Ausgaben für Nahrungsmittel würde die Kaufkraft für Industriewaren empfindlich schmälern und damit unweigerlich zu neuer Arbeitslosigkeit führen.[2] Dem Hamburger Echo zufolge haben sich daher die Spitzenverbände sämtlicher Gewerkschaften gegen eine weitere Verteuerung der Lebenshaltung ausgesprochen.[2]
Kritik entzündet sich ebenfalls an der Kreditpolitik der Banken, die eine wirtschaftliche Belebung hemmt.[1] Es wird der Vorschlag unterbreitet, die Reichsbank solle ihre Absicht einer Krediterweiterung mit größerem Nachdruck verfolgen und sich von den restriktiven Bedingungen der Privatbanken lösen.[1] Ferner wird im Berliner Tageblatt gefordert, die Handelspolitik im Sinne größerer Austauschfreiheit zu revidieren. Jede Milliarde an zusätzlichem Exportabsatz könne die Beschäftigung für 300.000 bis 400.000 Arbeitslose schaffen.[1]