Die Berliner Börse befindet sich seit einiger Zeit in einer bemerkenswerten Aufwärtsbewegung, die in zunehmendem Maße von der tatsächlichen Wirtschaftslage losgelöst scheint.[1] Während Berichte aus der Stahl-, Eisen- und Textilindustrie weiterhin pessimistisch klingen und auch der Kleinhandel über eine schleppende Nachfrage klagt, eilen die Kurse an den Terminmärkten von Höhe zu Höhe.[1] Die augenblickliche Lage der Wirtschaft hat mit dieser Bewegung daher wenig zu tun. Vielmehr handelt es sich offenbar um eine ausgesprochen spekulative Entwicklung.[1]

Die Hauptanregung für die Spekulation kommt vom Geldmarkt, der eine erhebliche Liquidität aufweist.[1] Kapital, das zum Teil aus vorherigen Spekulationsgewinnen sowie aus den jüngsten Auslandsanleihen stammt, liegt brach und strömt nun an die Börse.[1] Dieses Geld treibt die Kurse, zumal die für die Terminspekulation geforderten Einschüsse nur gering sind. Dadurch werden immer weitere Kreise zur Teilnahme verleitet.[1] Dem Vernehmen nach hat sich die Zahl der Spekulanten erheblich vergrößert; es beteiligt sich auch wieder ein Publikum, das in der Hoffnung auf schnelle Gewinne die Risiken nicht ausreichend beachtet.[1] In erfahrenen Börsenkreisen schüttelt man hierüber bedenklich den Kopf und denkt über eine schärfere Überwachung der Konten nach.[1]

Befeuert wird die Hausse durch allerlei Gerüchte, die bei der üblichen Geheimniskrämerei vieler Unternehmensverwaltungen weite Verbreitung finden.[1] Insbesondere die Aktien der I. G. Farbenindustrie regen die Fantasie an; dabei wird auf die neuen Entwicklungen auf dem Kohlenwasserstoffgebiet verwiesen.[1] Für die Montanwerte haben die internationalen Verständigungsverhandlungen und der englische Kohlenstreik auf die Kurse eingewirkt.[1] Auch für die bislang dividendenlosen Schifffahrtsaktien wird mit Verweis auf angebliche Einnahmesteigerungen und mögliche Zusammenschlüsse Propaganda gemacht, obwohl keine belegbaren Unterlagen vorliegen.[1] Die Kölnische Zeitung kommt zu dem Schluss, dass viele Kurse bereits übertrieben hoch erscheinen und die Zukunftschancen reichlich eingepreist sind.[1]