Die nach dem Umsturz im Mai von Marschall Pilsudski eingeleitete Sanierung der Republik findet ihren Dreh- und Angelpunkt in der angestrebten Reform der Verfassung und des Parlaments.[1] In den politischen Kreisen Warschaus herrscht die Überzeugung, dass Polen nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre ein neues inneres Gleichgewicht finden muss.[1] Das nahezu uneingeschränkte Vertrauen in die Allmacht des Parlamentarismus, welches der Volksvertretung beinahe die Befugnisse einer direkten Regierungsausübung zusprach, hat nach Ansicht vieler Beobachter zu einer Lähmung der staatlichen Organe geführt.[1]
Die Aufgabe, die parlamentarischen Sitten zu bessern und eine tiefgreifende Staatsreform durchzuführen, ist nun dem Kabinett unter der Führung von Professor Bartel zugewiesen worden.[1] Die Ziele und Wege dieser Reform scheinen, wenngleich im Einzelnen noch Abweichungen möglich sind, mittlerweile im Wesentlichen festzustehen.[1] Marschall Pilsudski selbst hält an seiner bereits vor dem Umsturz geäußerten Überzeugung fest, dass in Polen eine starke und moralisch gefestigte Regierung im Rahmen der Verfassung möglich sein müsse.[1] Er, der als Bannerträger des Umschwungs gilt, hat sich bislang allen Rufen nach einer offenen Diktatur widersetzt. Das Ideal der Demokratie steht ihm höher als persönliche Machtgelüste.[1]
Die Pläne der Regierung stoßen jedoch auf entschiedenen Widerstand. Wie aus Berichten der *Neuen Freien Presse* hervorgeht, veranstaltete die sozialistische Partei am Sonntag im ganzen Land öffentliche Versammlungen, um gegen die geplanten Verfassungsänderungen zu protestieren.[1] Insbesondere eine befürchtete Änderung der Wahlordnung steht im Zentrum der Kritik.[1] Die Sozialisten forderten in ihren Kundgebungen die sofortige Auflösung des Sejm und die Ansetzung baldiger Neuwahlen.[1] An die Regierung richteten sie den Appell, sich statt mit Verfassungsdebatten aufzuhalten, energisch dem Kampf gegen Teuerung und Arbeitslosigkeit zu widmen.[1]
Während die meisten Protestkundgebungen friedlich verliefen, kam es zu ernsten Zwischenfällen.[1] In Warschau versuchten kommunistische Gruppen, die sozialistischen Versammlungen zu stören. Dies führte zu Zusammenstößen zwischen den Anhängern beider Parteien.[1] Weitaus tragischer endete eine Demonstration in Inowraclaw. Dort versuchte die Polizei, einen Demonstrationszug aufzuhalten; daraufhin attackierten die Protestierenden die Beamten.[1] In der Folge eröffneten die Polizisten das Feuer auf die Menge.[1] Der Ausgang dieser Auseinandersetzung waren drei Tote und vierzehn Verwundete.[1] Über die künftige Gestalt des Staates wird der neu zu wählende Sejm entscheiden, der zeigen muss, dass die Lehren der Maitage nicht verloren gingen.[1]